Mutismus

Das Leben in Stille und ständiger Angst

Das Leben in Stille und ständiger Angst
Milena kennt das Leben mit der noch relativ unbekannten, starken Angststörung aus eigener Erfahrung. Milena Mewes, Ricarda-Huch-Schule
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von Milena Mewes, 15 Jahre

Klasse 9c, Ricarda-Huch-Schule Kiel

Viele Menschen - insbesondere Kinder und Jugendliche, sind schüchtern.Doch ab wann ist
jemand nicht mehr bloß schüchtern, sondern mutistisch- und was ist Mutismus
überhaupt?

Beim Mutismus wird zwischen zwei Arten unterschieden: dem selektiven und dem totalen
Mutismus. Bei der selektiven Form reden die Betroffenen nur mit wenigen,
nahestehenden Personen bzw. schweigen in bestimmten Situationen. Totale
Mutisten hingegen sprechen mit niemandem. Schätzungsweise sind in Deutschland
rund 10 000 Menschen von Selektivem Mutismus betroffen. Der Begriff Selektiver Mutismus (F94.0, Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der
Kindheit und Jugend) steht für Menschen mit einer Sprechhemmung. Sie können
zwar meistens einwandfrei sprechen, jedoch trauen sie sich aufgrund dieser
Angststörung nicht. Mutisten haben Angst mit anderen Menschen zu reden - oft in
der Annahme, abgelehnt oder missachtet zu werden.

Mutismus beginnt in den allermeisten Fällen im Kindes- und Jugendalter (durchschnittlich
mit drei Jahren bei Eintritt in den Kindergarten). Häufig werden diese Kinder
einfach als schüchtern bezeichnet. Doch wenn die Angst zu sprechen den Alltag
und die soziale Teilhabe beeinträchtigt, ist es sinnvoll genauer hinzusehen.

„Als meine Tochter klein war, übernahm ich automatisch das Sprechen für sie, wenn sie
etwas gefragt wurde. Im Kindergarten war es dann oft eine Freundin, die es ihr
abnahm. Nur hilft man dem Kind damit im Endeffekt nicht wirklich“, berichtet
Birgit H., Mutter einer mutistischen Tochter.

Selektive Mutisten kommunizieren zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung stark. Sobald
jemand Fremdes hinzukommt, verstummen sie allerdings komplett. Auch haben sie
Angst vor manchen Tätigkeiten, wie zum Beispiel schwimmen.                                                                                      
Mutisten haben mit starker Unsicherheit zu kämpfen, wodurch sie in bestimmten
Situationen schweigen. Sie benötigen daher viel Unterstützung und Bestätigung
ihrer Mitmenschen. Für die Betroffenen selbst ist das äußerst belastend. Sie
leben immer mit der Angst, etwas sagen zu müssen und es nicht zu können. „Wenn
ich etwas gefragt werde oder vorlesen soll, bekomme ich immer Herzrasen und
Bauchschmerzen“, so eine 15-jährige Mutistin. Außenstehende wie Mitschüler
verstehen das Schweigen oft nicht. Nicht-Antworten und das Meiden von
Blickkontakt wirken auf sie häufig wie Desinteresse.

Doch sehnen sich mutistische Menschen besonders nach Freunden und Menschen, die sich für
sie interessieren. Sie fühlen sich oft alleine und aufgrund des mangelnden
Selbstbewusstseins oftmals auch wertlos.                                                                             
Dadurch bekommen einige Menschen mit diesem Problem zudem Depressionen
oder Suizidgedanken. „Ich habe lange Zeit keinen Sinn im Leben gesehen", erzählt die Betroffene.

Auch für Angehörige eine schwierige Situation, denn sie wissen nicht, wie sie mit dem
mutistischen Kind umgehen sollen. Manche bevormunden es und übernehmen
sämtliche Aufgaben für das Kind, wie zum Beispiel ein Eis bestellen. Doch
gerade das ist nicht förderlich, denn auch wenn diese Situationen äußerst
unangenehm sind, übt es sie damit und es wird langsam einfacher. „Mittlerweile
kann ich jedes Mal antworten - wenn auch leise, ich schaue nicht mehr auf den
Boden, sondern versuche möglichst laut zu sprechen.“ berichtet eine Betroffene
nach 12 Jahren Behandlung.

Kommt der Verdacht auf, dass ein Kind unter selektivem Mutismus leiden könnte, sollte man
sich zunächst an den Kinderarzt wenden und danach eine Diagnostik beim
Psychiater oder Logopäden machen lassen. Wichtig ist, dass man sich
qualifizierte Hilfe sucht. Dies gestaltet sich oft sehr schwierig, weil sich
nur wenige Ärzte und Therapeuten mit dem Thema auskennen. Generell gibt es dann
verschiedene Möglichkeiten, wie Logopädie, Psychotherapie oder
Verhaltenstherapie. Unterstützend wird manchmal auch zu Antidepressiva geraten,
die die Angst mindern können.

Selektiver Mutismus entsteht so gut wie immer durch eine genetische Veranlagung und wird
durch zusätzliche belastende Faktoren ausgelöst. Er entsteht, nach jetzigen
Erkenntnissen, nicht durch traumatische Erlebnisse.

Unter Mutismus leiden deutlich mehr weibliche als männliche Personen.

Informationen gibt es auch im Internet unter:

www.mutismus.de

www.selektiver-mutismus.de

www.mutismus.net


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21 Kommentare

Christine Winter
01.12.2017 09:44
Das ist eine tolle Information für alle, die Selektiven Mutismus besser
verstehen möchten.
Mit geeigneter Hilfe kann man die Sprechblockaden hinter
sich lassen - wenn man erst einmal weiß, womit man es zu tun hat. Und das hast
du super erklärt, Milena.
Sabine Rosenbaum
30.11.2017 19:03
Einfach sehr treffend beschrieben.
Milena Mewes
30.11.2017 20:15
Danke!
Patrick Herrigel
30.11.2017 17:23
Ein lesenswerter Artikel der auch manche Autisten betrifft die auf Grund ihrer Behinderung zusätzlich eine selektive mutistische Störung entwickeln. Mein einer Sohn zum Beispiel...
Milena Mewes
30.11.2017 20:14
Vielen Dank und viel Glück weiterhin
Andrea Beisel
30.11.2017 17:08
Der Bericht ist wirklich sehr informativ und authentisch!
Milena Mewes
30.11.2017 20:13
Vielen Dank!
Jutta Priebe
30.11.2017 16:17
liebe Milena, Du bist ein tolles Mädchen mit soviel Mut, Danke schön für Deinen Bericht, klasse geschrieben. Drücke Dir alle Daumen
Milena Mewes
30.11.2017 20:13
Danke!
Elke Heyn
24.11.2017 19:45
Der Artikel sollte von vieless gelesen werden, denn den meisten ist der Begriff Mutismus kein Begriff.
Es ist kaum zu glauben, das ein 15 jähriges Mädchen sich so klar und gewählt ausdrücken kann.
Danke Milena, ich wünsche Dir für die Zukunft weiterhin viel St-ärke.
Milena Mewes
24.11.2017 20:19
Ja, leider ist Mutismus noch sehr unbekannt.
Vielen lieben Dank!
Kai Krügel
24.11.2017 10:02
Toller Beitrag, der einem mal  wieder die Augen öffnet. Danke!
Milena Mewes
24.11.2017 20:17
Danke!
Christine Stuber
24.11.2017 08:32
Ein sehr schöner und gut geschriebener Artikel! Ich hoffe, dass ihn viele Menschen lesen und euch Mutisten dadurch besser verstehen und lernen, mit euch umzugehen. Es ist ja für beide Seiten nicht ganz einfach.
Milena Mewes
24.11.2017 20:17
Das stimmt, Dankeschön!
Marion Zimmermann-Wahl
24.11.2017 08:21
Echt klasse....endlich verstehe ich, wie sich manche fühlen, die in der Situation sind. Und werde sehr geduldig und freundlich sein...Danke!
Milena Mewes
24.11.2017 20:16
Vielen Dank
Frauke Hanssen
23.11.2017 22:45
Das ist ein sehr informativer Beitrag. Vielen Dank.
Milena Mewes
24.11.2017 20:15
Danke!
Birte Hebenstreit
23.11.2017 20:02
Vielen, vielen Dank für die hilfreiche, ausführliche und persönliche Aufklärung.
Milena Mewes
23.11.2017 20:47
Vielen lieben Dank!

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