Die Riesenwellen im portugiesischen Nazare

Den Riesenwellen auf der Spur

Den Riesenwellen auf der Spur
Die Riesenwellen im portugiesischen Nazare Luzie Reuter
1/7
Den Riesenwellen auf der Spur
Luzie Reuter
2/7
Den Riesenwellen auf der Spur
Luzie Reuter
3/7
Den Riesenwellen auf der Spur
Luzie Reuter
4/7
Den Riesenwellen auf der Spur
Luzie Reuter
5/7
Den Riesenwellen auf der Spur
Luzie Reuter
6/7
Den Riesenwellen auf der Spur
7/7


Als ich die Autotür öffne, steigt mir sofort der salzige Geruch des Atlantiks  in die Nase. Abgerundet wird er von Essensdünsten aus den nahegelegenen Restaurants, dazu kommen die gerösteten Nüsse, die an jeder Ecke von Einheimischen mit wettergegerbten Gesichtern angeboten werden. 25° Celsius – eigentlich spitze, doch der starke Wind macht aus ihnen gefühlte 10°. Doch genau dieser Wind (oder eher was er mit sich bringt) scheint die meisten Menschen hierherzulocken. Die in Windjacken und langen Hosen gekleideten Leute um mich herum steuern alle auf die Estrada de Farol zu, eine der drei Hauptstraßen, die vom Marktplatz ausgehen.

Es ist Mitte Oktober und langsam beginnt die Saison der gigantischen Wellen, die jährlich Tausende von Zuschauern in das “Mekka der Big-wave-Surfer” locken. Bevor ich das Spektakel jedoch mit eigenen Augen sehe, muss ich mich an den 1,2 km langen Abstieg wagen. Ich merke schnell, dass die viertelstunde Fußweg die steinige, steile Straße hinunter doch nicht so einfach ist, wie erhofft.

Die von fotografierenden Touristen und offenen Wohnwagen gesäumte
Sackgassenstraße führt zum „Sitio“, dem Felsmassiv, das sich ca. 110 m über Nazares Sandstrand, dem „Praia do Norte“ erhebt. Bei dem Begriff „Big-wave“, werden die meisten Europäer an Orte wie Hawaii oder Kalifornien denken, diese Riesenwellen haben sich jedoch einen anderen Ort ausgesucht: Den weltberühmten Surfspot Nazaré an der portugiesischen Atlantikküste. Er liegt etwa 120 Kilometer nördlich von Lissabon und bietet dem internationalen Surfsport die höchsten Wellen der ganzen Welt - wenn er „an“ ist. Bis zu gigantischen 30 m türmen sich dann die Wassermassen an diesem besonderen Ort auf. Für heute sind zu meiner Enttäuschung allerdings „nur“ etwa 17 Meter angesagt.

Es ist die besondere Kombination aus Wasserströmungen und dem
Nazaré Canyon, der dieses unvergleichliche Naturschauspiel hervorruft. Die über 230 Kilometer lange Meeresschlucht, die bis zu 5000 Meter tief ist, endet direkt vor dem Felsen vor Nazare. Ein Sturm am anderen Ende der Welt hat die Wellenenergie, den sogenannten Groundswell, schon vor Tagen auf seine Reise um den Globus geschickt. Am Ende dieses Trips, dem Unterwasserfelsen vor Nazare, gibt es für diese Energie nur noch eine Richtung: nach oben. So viel zur Theorie. Was das Ganze in der Praxis bedeutet, möchte ich jetzt hautnah erleben.

Am unteren Ende der Straße fällt mir sofort die besondere Stimmung auf. Mehrere hundert Menschen stehen dicht gedrängt an der schmalen, kniehohen Mauer, die die Menge von dem tosenden Abgrund, 30 Meter weiter unten trennt. Man mag denken, es seien hauptsächlich Touristen, doch der Felsen vor Nazare ist vor allem ein Treffpunkt für Surfer aus aller Welt. Und ich mittendrin. Aus sicherer Entfernung beobachten wir die kleinen schwarzen Punkte inmitten der gewaltigen See, die sich bei genauerem Hinsehen als Wellenreiter entpuppen. Regelmäßig werden sie nach spektakulären Ritten von den unfassbaren Wasserwalzen erst verschluckt, dann durchgewalkt und am Ende wieder ausgespuckt.

Zwischen den Surfern erkenne ich zahlreiche Jet-Skis. Sie gehören zu diesem Sport dazu, nur wenige Wellenreiter surfen allein. Ab einer Höhe von ca. 15 m sind die Wellen nämlich zu schnell, um sie alleine anzupaddeln. Das so genannte „Tow-In“-Prinzip bewährt sich schon seit Jahren. Die Surfer werden von den Jetskis auf Geschwindigkeit gebracht und in die Welle gezogen. Nach dem Wellenritt und dem meist unvermeidlichen Waschgang, werden die Surfer dann im Weißwasser von den Jet-Skis aufgenommen und aus der Gefahrenzone der Brecher befördert. Die wahren Helden sind für mich persönlich jedoch die beiden Einzelkämpfer, die regelmäßig die „nur“ zehn Meter hohen Wellen alleine anpaddeln. Und das, nachdem sie sich mit reiner Muskelkraft etwa eine Stunde lang herausgekämpft haben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie anstrengend schon zwei Meter hohe Wellen sind, wenn man sich auf der falschen Seite, nämlich vor ihnen, befindet. Mein einziger Gedanke: Respekt!

Heute ist einer der guten Tage, die Wellen sind „an“. Zahlreiche Zeitungen und sogar das Fernsehen sind da. Der Offshorewind, also
der ablandige Wind sorgt dafür, dass die Wellen sauber brechen und
auch das Ästhetische wird nicht vernachlässigt: Die weiße Gischt spritzt bis zu 10 m hoch. Doch mir genügt das Zusschauen und Staunen nicht: Ich möchte mich direkt an die Wellen heranwagen, mein Tagesziel: nass werden. Ich quetsche mich durch die Menschenmenge, der ausgetretene Weg ist völlig überfüllt. Bei jedem Wellenritt ertönt ein vielstimmiges, staunendes „Aaah“, das sich bei jedem Waschgang in ein genauso intensives aber erschrockenes „Oooh“,verwandelt.

Als ich die vordere Aussichtsplattform erreiche, stehe ich plötzlich  vor einer gefährlich marode aussehenden Metalltreppe. Beim Abstieg merke
ich, dass sie nicht nur schmal und rutschig, sondern auch schief ist, vom Rost ganz zu schweigen. Endlich verstehe ich den Begriff Höhenangst.
In Deutschland würde es so etwas nicht geben. Definitiv nicht! Nachdem ich die 20 m Höhenunterschied im Schneckentempo überwunden habe, stehe ich auf einem schon deutlich leereren Felsplateau. Hier bin ich mitten im Geschehen. Die haushohen Wellen türmen sich  direkt vor mir auf, ich kann genau mitverfolgen, wie die Welle erst  fünf, dann zehn und schließlich fast 20 m hoch wird.                                                                                                                                                          Ein bisschen mulmig wird mir schon, als sich das Ungetüm dann in meine Richtung bewegt, ich muss an die Horrorszenarien denken, die es auf Youtube zu finden gibt: Menschen stehen an Aussichtspunkten, Welle kommt, Mensch weg. Ich sehe genau, wie sich die oberen fünf Meter der Welle weiß färben, bis sie schließlich mit einem tosenden Rauschen und starker Gischt direkt vor mir bricht. Einen Augenblick lang fürchte ich, von ihr erfasst zu werden, doch als sie mit ihrer gesamten Wucht auf die beiden vorgelagerten Felsen prallt, bin ich einfach nur beeindruckt. Ein paar Spritzer bekomme ich ab, doch dadurch werde ich eher selbst ein Teil des atemberaubenden Geschehens. Abgerundet wird es von dem Tosen der Wellen und der jubelnden Menge oberhalb. Geschlagene drei Stunden bleibe ich auf meinem Posten stehen, ich kann mich einfach nicht losreißen und auch die bestimmt hundertste Welle fasziniert mich noch. Als meine Beine müde werden und ich langsam Hunger bekomme, mache ich mich wieder an den Aufstieg. Die schiefe Treppe ist für mich nur noch halb so schlimm, anschließend sind meine
Hände klebrig vom Salz auf dem Geländer. Mein Tagesziel habe ich
heute leider nicht erreicht, ich kann nur ein paar Spritzer vorweisen. Eigentlich ganz gut so.

Oben angekommen entdecke ich den alten Leuchtturm, den „Farol“. Auf dem Hinweg war ich wohl zu abgelenkt, um das schlichte Steingebäude zu bemerken. Die ehemalige Militärfestung aus dem 17. Jahrhundert beherbergt ein Surfermuseum und zurzeit auch eine Kunstausstellung. Für den Eintrittspreis von einem Euro kann ich Bilder, Surfvideos, Biografien und Original Surfbretter der berühmtesten "Big-Wave-Surfer", bewundern. Unter den Berühmtheiten; der 49 – jährige Weltrekordhalter Garret McNamara, wohnhaft in Hawaii. McNamara stellte am 1. November 2011 in Nazare seinen ersten Weltrekord im „Big-wave-surfen“ auf, die Riesenwelle - in Surferkreisen „Big Mama“ genannt - war 24m hoch. McNamara selbst sagte 2013 in einem Interview des Spiegels:

„Ich surfe nicht, um Weltrekorde aufzustellen. Ich surfe für das Kribbeln im Bauch, für den Adrenalinkick. Was andere daraus machen, ist deren Sache“ Erst als er am Abend auf Instagram ein Bild von Nazare postet, erfahre ich, dass er heute nur 100 Meter von mir entfernt im Wasser mitgemischt hat. Die Enttäuschung, ihn nicht gesehen zu haben, hält aber nicht lange an, denn nur einen Tag später treffe ich einen anderen Star
der Szene. Als ich im 45 Minuten von Nazare entfernten Peniche bei
deutlich kleineren Wellen (bei mir sind es nur 2-3 m ) surfen gehe,
entdecke ich fünf Meter neben mir den ebenfalls weltberühmten Surfer Kelly Slater. Ich erfahre, dass er hier in Peniche in dieser Woche an der Surfweltmeisterschaft teilnimmt, da verschwindet er schon mit der nächsten Welle. Mein Plan, am Strand noch ein Foto mit ihm zu machen, verflüchtigt sich, er hat ja schließlich noch viel zu tun.

Luzie Reuter,9c, Gymnasium Altenholz








Kommentar schreiben

3 Kommentare

Amelie Harder
17.11.2016 21:15
Nur schön toller Mensch auf jeden Fall
Bosse Bänsch
17.11.2016 20:03
Super Thema, super Artikel , super Typ.
Promedia Maassen
15.11.2016 16:17
Wow, cooles Hobby! Und ein echt spannender Artikel, bei dem man sich richtig toll in die Szenerie und die Atmosphäre reinfühlen kann, auch durch die gut ausgewählten Bilder. Respekt!

Antwort schreiben