Mit Blödsinn Geld verdienen

MiSch 8. November 2017
Punktet als Youtube-Star: Sandra ist Freshtorges bekannteste Rolle.©

Torge Oelrich, besser bekannt als Freshtorge, stammt aus dem beschaulichen Städtchen Wesselburen (Dithmarschen) – und zählt zu den großen deutschen Youtube-Stars. Rund 2322500 Abonnenten verfolgen regelmäßig, was der 29-Jährige seit 2006 auf seinem Kanal „Freshhaltefolie“ veröffentlicht. Auch nach mehr als zehn Jahren bespaßt Freshtorge seine Fangemeinde mit komischen Rollen, schrillen Verkleidungen und Parodien, jeden „Samstorg“ um 14 Uhr gibt es einen neuen Clip. Zu seinen beliebtesten Figuren gehören die zurückgebliebene Schülerin Sandra, Karina bei der Arbeit oder auch die Teenie-Eltern Peggy und Joel. 2014 veröffentlichte Oelrich „Freshtorge: Mein Tagebuch“, 2015 den Film „Kartoffelsalat – Nicht fragen!“.

 

Seit 2006 stellst du, wie du selbst sagst, „sinnlose“ Videos auf Youtube. Hat sich deine Zielgruppe
seitdem verändert?

Freshtorge: Nein, das sind Kinder und Jugendliche. Aber ich merke, dass viele später wiederkommen. Mit acht bis 18 gucken sich das viele an, danach gibt es eine Phase, in der das nicht der Fall ist. Mit 24, 25 kommen ganz viele wieder. Das merke ich jetzt, weil ich auch von Älteren erkannt werde. Die Zahlen bei Youtube belegen das auch.

In so einer langen Zeit gehen dir nie die Ideen aus?

Davor hatte ich auch irgendwann mal Angst, aber es ist nicht so. Da wird eher die Zeit immer weniger, aber Ideen habe ich so wahnsinnig
viele, die kann ich gar nicht alle umsetzen.

Wo kommen die her? Wie entstehen etwa so abstruse Figuren wie Sandra?

Einige sehe ich im Fernsehen. Da laufen ja viele verrückte Menschen rum, bei denen ich denke: Daraus könnte man mal eine Figur machen.
Andere sind Menschen, die ich aus meinem Dorf kenne. Zum Teil wissen die gar nicht, dass sie Vorbild für eine Figur sind.

Wie wird man denn Youtuber?

Da gibt es kein hundertprozentiges Rezept. Ich hatte Glück, weil ich sehr früh damit angefangen habe. Da gab es noch nicht so viel Konkurrenz. Mittlerweile ist es wahnsinnig schwierig, dort bekannt zu werden. Das Wichtigste ist: Man muss kreativ sein. Da darf man nicht der 5000. „Let’s player“ sein. Ich bekomme immer wieder Anfragen, gerade von Jungs, die mich nach Tipps für „Let’s plays“ fragen. Dann sage ich: Vergiss es! Du musst dir mal was Neues überlegen, was es so noch nicht gibt. Sowas kann noch funktionieren.

Kannst du dir deinen Erfolg irgendwie erklären?

Ich bin jetzt fast 30. Dass Kinder es lustig finden, wenn ich mir eine Sonnenbrille aufsetze, eine Hawaii-Kette umhänge und ein komisches Gesicht mache, verstehe ich nicht so ganz. Aber ich bin recht diszipliniert, was man von einigen Youtubern nicht unbedingt sagen kann. Seit Jahren lade ich immer samstags und mittwochs ein Video hoch. Das sehe ich als Beruf an, nicht als Hobby, was ich mal eben so mache, und wenn ich mal keinen Bock habe eben nicht. Das verleiht mir vermutlich eine gewisse Authentizität. Die haben viele vielleicht nicht mehr.

Kann man vom Rumkaspern auf Youtube gut leben?

Du brauchst halt eine gewisse Anzahl an Klicks. 200 000 oder 300 000 im Monat reichen vielleicht, um mal schön Essen gehen zu können. Um davon leben zu können, braucht man Millionen. Dadurch, dass es immer mehr Youtuber gibt, bleibt für den Einzelnen weniger übrig.

Was rätst du Jugendlichen, die eine ähnliche Karriere anstreben?

An und für sich finde ich das cool. Ich verstehe auch die Eltern nicht, die sagen: Nein, auf gar keinen Fall! Auf Youtube kann man wirklich kreativ sein, sich austoben und etwas ganz Tolles damit erreichen. Nur wenn Teenager sagen, ich mache nach der Schule direkt Youtube und Ausbildung
ist  nicht so wichtig, wird es problematisch. Davon rate ich jedem ab. Wer sagt: „Ich möchte jetzt gerne Youtuber werden“ – Das kann er sich abschminken. Man muss das sehen wie beim Fußball: Damit fängt man an, weil es Spaß macht, nicht weil man in fünf oder sechs Jahren der größte Fußballer der Welt werden und ganz viel Geld verdienen möchte. Wenn es sich ergibt, dass man damit Geld verdient, ist es umso schöner. Aber direkt  einsteigen, ist viel zu unsicher.

Letzten Monat bist du zum ersten Mal Vater geworden – ändert das etwas an deiner Arbeit?

Eigentlich nicht. Ich habe von Anfang an gesagt, ihr werdet jetzt nicht täglich von mir hören, wie groß der Bauch ist und wie oft meine Freundin gekotzt hat. Ihr bekommt Bescheid, wenn das Kind da ist, und dann ist es auch gut. Ich werde mein Kind überhaupt nicht in die Öffentlichkeit drängen oder fotografieren. Ich habe ja noch nicht mal den Namen verraten.

Aber werden deine Videos jetzt ernster und seriöser? Dein Sohn könnte sich das ja auch irgendwann anschauen…

Nein, ich bin mir sicher, dass mein Kind sich das kaum angucken wird, weil es das eher peinlich findet. Das sagt dann „Ach Papa, was hast du denn da gemacht?“ Wenn er darüber wettert und sagt: „Das finde ich total doof“, dann nehme ich ihm sein Spielzeug weg und sage: „Okay, das habe ich dir damit finanziert, also sieh zu, dass du damit klarkommst.“

Du bist selbst Bestandteil der Medienlandschaft. Wie schätzt du deine Medienkompetenz ein?

Ich glaube, ich kann ganz gut mit Medien umgehen und auch einschätzen, welches Medium seriös ist und welches nicht. Aber ich merke, dass
viele sich nicht mehr informieren oder Behauptungen auch mal hinterfragen. Wichtig ist, dass man nicht immer die einfachen Antworten als gegeben hinnimmt,
sondern auch mal sagt: Vielleicht gibt es eben zu bestimmten Themenkomplexen, wie etwa bei der Flüchtlingsfrage, keine einfachen Antworten. Das bedeutet dann aber auch, dass ich mich mehr mit den Medien auseinandersetzen muss und etwas genauer hinschauen muss – und mehr Zeit investieren muss. Das ist ja auch ein bisschen anstrengend.

Hast du Kontakt zu anderen Youtubern?

Durch meinen Film „Kartoffelsalat“ habe ich viele kennengelernt. Wir haben uns fast alle bei Whatsapp, aber ich schreibe nicht täglich mit denen. Ich bin ja auch so ein bisschen ab vom Schuss hier. Ich wohne noch an der Westküste, und die meisten sind nach Köln oder Berlin gezogen. Die treffen sich dann öfter mal. Wenn man sich nicht täglich sieht, gerät man ein bisschen in Vergessenheit.

Käme es für dich denn in Frage, von der Westküste wegzuziehen?

Nein, auf gar keinen Fall. Wir bleiben hier.

Planst du für die Zukunft wieder gemeinsame Projekte wie „Kartoffelsalat“?

Momentan ist nichts Konkretes geplant. Generell finde ich es schön, wenn man auf Youtube wieder ein bisschen Frieden und Liebe hinbekommt –
nicht diesen ganzen Hate untereinander mit „Wir dissen uns“ und so. Da bin ich ein bisschen hinterher: Ich habe ja auch einen Trailer gemacht zu
„Kartoffelsalat 2“ – so einen Fake-Trailer – wo ganz viele, die bei „Kartoffelsalat“ mitgemacht haben, dabei waren. Sowas würde ich gerne noch
öfter machen, aber es ist natürlich schwer, alle nochmal gemeinsam vor die Kamera zu bekommen, weil jeder seine einzelnen Projekte hat.

Interview: Isabelle Breitbach

 
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