Else Baker – Überlebende des KZ Auschwitz-Birkenau

Carolin Krumm, Gym. Lütjenburg, WPU Medienpraxis 20. November 2020
© https://hamburggedenke.hpage.com/einzelschicksale-von-opfern-auf-steckbriefen.html© https://fink.hamburg/2017/05/ich-habe-auschwitz-ueberlebt/
Du möchtest diesen Beitrag bewerten? Dann kannst du hier bis zu drei Sterne vergeben.

Else Baker (damalige Schmidt) ist eine Sintiza-Frau, die Anfang 1943 ein grausames Schicksal heimsuchte, das sie mit vielen anderen Sinti und Roma teilte.

Else ist im Dezember 1935 im schönen Hamburg geboren. Sie ist die Tochter einer Sintiza, an die sie sich jedoch nicht erinnern kann, da sie bereits mit einem Jahr von den Nationalsozialisten in eine Pflegefamilie gesteckt wurde, weil ihre leibliche Mutter von ihnen als eine sogenannte „Halbzigeunerin" eingestuft wurde. Bis Else acht Jahre alt war, lebte sie also bei ihren Adoptiveltern Auguste und Emil Matulat und ihren Adoptivgeschwistern Gerda und Ilse.

Eines Nachts wurde Else von ihrer aufgelösten Mutter geweckt, die ihr sagte, dass sie sich nun schnell anziehen, die Haare kämmen und Sachen packen muss. Es wartete ein Mann auf Else, der nach Elses Erinnerung einen Ledermantel trug, welcher bis zu den Knöcheln ging. Er wirkte ziemlich respekteinflößend, aber die Achtjährige begleitete ihn dennoch. Sie war es gewöhnt mit Erwachsenen die Hand zu halten, aber der Mann in dem Ledermantel lehnte ihre Hand ab und wollte sie unter keinen Umständen berühren. Else sollte in ein Sammellager gebracht werden, von dem sie am 11.03.1943 mit 328 anderen Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert werden sollte. Ihrem Vater Emil gelangte es, durch Ämterbesuche, Else wieder nach Hause zu holen. Im April im Jahr darauf wurde sie allerdings wieder in ein Sammellager gesteckt und am 18.04.1943 schließlich endgültig nach Auschwitz deportiert.

Else berichtet in einem Interview, dass sie zusammen mit einer Gruppe von anderen Menschen in einen Viehtransporter gesteckt wurde, der mit Stroh ausgelegt war und in dem noch ein Eimer stand, der als Toilette diente. Die achtjährige Else wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, was Auschwitz ist oder was mit ihr passiert. Else erzählt über den ersten Abend im Zug Folgendes: „Als ich die Sterne sah, hab ich gedacht: Meine Mutter, mein Vater und Gerda und Ilse, die sind jetzt Zuhause und können die gleichen Sterne sehen, wie ich. Zu der Zeit wusste ich natürlich nicht, dass ich jetzt Heimweh hab, aber natürlich... Das war Heimweh."

An ihrer Ankunft in Auschwitz war Else die Letzte, die aus ihrem „Wagon" sprang. Dabei ging ihr kleiner Koffer auf, den sie bei sich hatte. Sie bückte sich schnell, um ihre Sachen wieder in ihren kleinen Koffer zu stecken, während sie angeschrien wurde, dass sie schneller machen sollte. Sie hörte viel Geschrei und Hundebellen. Das Geschrei kam entweder von anderen Leuten aus dem Zug oder von Soldaten mit Schäferhunden.

Eine Sinti-Frau bekam rechtzeitig mit, dass Else in Gefahr war und rief immer zu ihr, dass sie das alles liegen lassen soll und rennen soll. Mit einem kurzen Zögern ließ Else alles was sie besaß liegen und rannte der Kolonne hinterher. Als dann alle zusammengepfercht waren, begann das Entlausen der Kleidung und alle mussten sich nackt ausziehen. Für Else war das ein erschreckender Moment, denn sie hatte vorher noch nie einen Menschen nackt gesehen. Als alle ausgezogen waren, musste sich jeder duschen und das zusammen mit allen anderen. Auch Else.

Ihre besagten eigenen Klamotten sah sie  nie wieder. Das einzige was sie zum Anziehen hatte war ein kaputter Schlüpfer und ein Sommerkleid. „Bis heute sehe ich mich noch, wie ich nur diese zwei Kleidungsstücke habe. Mit 85.", erzählt Else in dem Interview weinend und aufgelöst. Schließlich kam es zur Auslese. Das erfährt Else allerdings erst wesentlich später in ihrem Leben. Zu dem Zeitpunkt wusste sie jedoch nicht, was dort vor sich ging. In den furchtbaren und überfüllten Baracken, die zum Schlafen dienten, musste Else nur eine Nacht verbringen, denn dann nahm die privilegierte Sinti-Frau Wanda Fischer sie in ihrem Holzvorbau auf. Warum Wanda solche Privilegien hatte, ist nicht bekannt. Else musste oder auch durfte auf dem Tisch schlafen, mit einem Teppich als Decke, und dennoch fand sie es hundert Mal besser als in den Baracken. Else berichtet dass, als sie das erste Mal in die Baracken gekommen war, sie in einen so großen Schock gefallen war an dem sie wohl gestorben wäre, wenn Wanda nicht gewesen wäre. Alles war sie zu diesem Zeitpunkt fremd. Die Menschen dort würde sie wohl nie vergessen, Menschen, die mehr tot als lebendig aussehen. Mit toten und leeren Augen.

Wasser hatte sie auch nicht gesehen, aber, wie sie später erfährt, wurde genau ein Eimer Wasser für 1000 Leute zur Verfügung gestellt. Sie fragt sich bis heute: „Wo hab ich jemals Wasser gesehen?".

Eine weitere ihrer Erinnerungen zu dieser Zeit: „Ich erinnere mich an eine Holzkonstruktion, die ein Astloch hatte und da hab ich immer hinein geschaut. Ich hab immer geguckt und mich gefragt: Was ist das? Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass das Arme und Beine waren. Sogar als 8-jähriges Kind bekam ich das Bild in meinem Gehirn, was ich da sah. Das waren Leichen. Nackte Leichen mit Kalk überstreut."

Als wäre das nicht genug, musste Else ohnehin schon immer barfuß laufen, auch über die Schlaglöcher in Auschwitz. Else ist sich bis heute sicher, dass das keine Schlacken waren, sondern Überreste von Menschen, die verbrannt wurden. Sie bringt es kaum über das Herz, das auszusprechen. Sie musste zu der Zeit also barfuß über sehr spitze Überreste von Menschen laufen und das als ein kleines, unschuldiges Mädchen. Else musste in ihrer Zeit im Konzentrationslager wortwörtlich über Leichen gehen.

Sie kam nur frei, weil ihr Adoptivvater für ihre Freilassung kämpfte, und sie Ende September 1944 aus dem KZ Ravensbrück, in das sie zuvor deportiert wurde, abholen konnte.1963 immigrierte sie nach England, wo sie 2005 als erste Sinti-Frau von der Königin persönlich empfangen wurde, zum Jahrestag ihrer Befreiung. Heute gibt Else Baker Interviews und berichtet über „eine sehr dunkle Zeit" in ihrem Leben.

 
Dieser Eintrag hat bisher keine Kommentare

Kommentar schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert