Fliegen

Ashley, 12b RBZ am Königsweg 17. November 2020
© Sandra Gabriel von upsplash
Du möchtest diesen Beitrag bewerten? Dann kannst du hier bis zu drei Sterne vergeben.

Fliegen

Du wirbelst wild durch dein Zimmer, dein Kleid hebt sich leicht und ich habe das Gefühl, als würden wir fliegen. Vielleicht tun wir ja genau das. Wir fliegen durch dein Zimmer, bis an die Decke und dort greifen wir nach den silberglänzenden Sternen. Du liebst die Sterne. Jedes Mal, wenn du zu ihnen hinaufschaust, lächelst du. Du deutest dann auf einen und erzählst mir, wie du eines Tages zu ihm fliegen und dich mit einem kleinen grünen Männchen anfreunden wirst.
Langsam kommst du zu einem Stopp. Noch ganz schwindelig von dem Drehen, lässt du dich auf dein Bett fallen, mich dabei fest an deine Brust gepresst. Nach ein paar Minuten hört die Erde auf sich zu drehen und du richtest dich wieder auf. Schnell tapst du auf mein pinkes Traumhaus zu und kniest dich davor, bevor du nach einer Bürste greifst und mir mit dieser durch die Haare gehst. Deine eigenen Haare sind ein wildes Durcheinander, stören tut es dich aber nicht.
Meine kühle Plastikhaut scheint sich bei dem Gedanke an diese Zeit zu erwärmen. Es scheint so lange her, denn mittlerweile bist du älter. Du hast dich verändert und dein Zimmer mit dir. Mein rosa Traumhaus hast du vor einer langen Zeit in den Keller verbannt, an seinem Platz steht jetzt ein Bücherregal und auch deinen kleinen Tisch mit all den bunten Stiften hast du gegen einen Schminktisch eingetauscht. Schon vor langer Zeit hast du aufgehört Bilder zu malen, jetzt bemalst du nur noch dein Gesicht. Der Traum von den kleinen grünen Männchen scheint auch schon längst vergessen. An deinen Wänden hängen nicht mehr die Bilder von unseren Entdeckungsreisen durch die Galaxie, sondern Poster von Frauen, zu welchen ich im Vergleich schon spießig wirke.
Und ich, ich sitze hier, in einer Ecke, mit den anderen Kindheitserinnerungen, welche das Glück hatten, bleiben zu dürfen. Nur selten siehst du in meine Richtung, ich aber sehe nur dich. Ich sehe dir Tag für Tag dabei zu, wie du vor deinem Spiegel stehst und dich mit den unrealistischen Schönheitsidealen vergleichst, bei denen sogar ich selbst Minderwertigkeitskomplexe entwickle. Damals hast du dir deine blaue Latzhose mit deinen geblümten Gummistiefeln angezogen und bist mit einem Selbstbewusstsein, wie man es nur von Bugs Bunny kennt, über den Spielplatz geschritten. Ein Selbstbewusstsein, das du heute versuchst mit Make-Up und körperbetonter Kleidung zu erlangen. Doch selbst mit deinem roten Lippen kannst du nicht von deinen traurigen Augen ablenken.
Du bist nicht mehr das glückliche Mädchen. Schon lange bist du nicht mehr durch dein Zimmer gewirbelt und hast dich lachend auf dein Bett geworfen. Jetzt liegst du nur noch da. Du wirst immer dünner, in den Spiegel schaust du kaum noch und wenn, dann nur, um dein Gesicht anzumalen. Du siehst nicht mehr aus wie du. Du ähnelst den Frauen an deinen Wänden. Du ähnelst mir.
Mein kleines Mädchen wurde zu meinem Ebenbild. Eine Plastikpuppe.

 
Dieser Eintrag hat bisher keine Kommentare

Kommentar schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert