"Mit Rap kann man wirklich alle erreichen."

Johann Hiss, Klasse 8a, Ricarda-Huch-Schule Kiel 18. November 2020 2 Kommentar(e)
© Murat Aslan
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Über Rap in Deutschland und seine Entwicklung im Wandel der Zeiten

Ich liege in meinem Bett. Es ist dunkel und ich spüre das Gewicht des Laptops auf meinen Beinen. Sein Lichtschein blendet zwar und ich bin sehr müde, doch das ist es mir wert. Donnerstag, 23:59 Uhr ist das offizielle Deutschrap-Release-Date, und es wurde schon auf Instagram bekannt gegeben. Alle Rapper versuchen, die Zuhörer*innen zu animieren, bei der Premiere ihres neuen Tracks dabei zu sein. Ich öffne Twitch, eine Streaming-Plattform, und suche nach einem Kanal, der sich durch alle Songs durchklickt. Es ist eine sehr entspannte Atmosphäre und auch sehr interessant, sich die Tracks der neuen Künstler*innen anzuhören. Der Stream geht bis ungefähr 02:00 Uhr. So viele neue Tracks gibt es, auch deswegen, weil es so viele neue Künstler*innen auf dem Markt gibt. Die Konkurrenz ist groß, und jeder versucht das spektakulärste Video, den fettesten Beat und den coolsten Flow zu haben. Doch wie war das früher? Wie kam Rap von Amerika nach Deutschland?

Deutschrap ist mittlerweile auch international bekannt geworden, vor allem durch Gzuz, Summer Cem und auch Capital Bra. Aber wie entstand Deutschrap? Es fing alles in den 1980ern an, wo amerikanische Soldaten Deutschland besetzten und Rap in Amerika langsam kommerziell wurde. So gelangte vor allem durch Schallplatten, aber auch durch Filme und amerikanische Soldaten Rap nach Deutschland. Das regte viele Leute an zu rappen, allerdings lieber auf Englisch, da Deutsch als unmodern und altmodisch eingestuft wurde.

Den revolutionären Schritt in Richtung Deutschrap tat dann der Rapper Torch von Advanced Chemistry. Torch freestylte auf einer Hip-Hop-Jam im Jahre 1980 einen deutschen Rap, welcher bei den Rappern große Zustimmung hervorrief, vermutlich da sie ihn verstanden. Allerdings dauerte es dann zwei weitere Jahre, bis Advanced Chemistry die erste Platte auf Deutsch veröffentlichte.

Aus Sicht von Danny Future vom Jugendbüro Mettenhof des Christlichen Vereins zur Förderung sozialer Initiativen in Kiel e.V., selbst Rapper der ersten Stunde, gibt es auf verschiedenen Ebenen Pioniere: "Also Torch war einer der ersten, der auf Deutsch gerappt hat, Advanced Chemistry war seine Band. Es gibt hier auch aus Kiel eine legendäre Rapperin, Cora E. Es gibt viele, die danach kamen und auch noch mitgemacht haben, wie Dendemann, der auch schon ewig dabei ist, genauso wie Konkret Finn und Kool Savas. Und dann kamen irgendwann die Berliner Rapper so wie Bushido."

Charterfolge kamen erst in den 1990ern, vor allem, weil die Deutschen noch in der von Amerika längst überholten sogenannten „Keep it real"-Haltung feststeckten, welche kommerziellen Gebrauch strikt verbot. Aufgrund dieser Haltung wurde die Hip-Hop-Gruppe "Die Fantastischen Vier" geschmäht und verachtet, da sie mit ihren Platten in die Charts gingen und so gegen die „Keep it real"-Philosophie verstießen. Das erste reine Rap-Album wurde dann von LSD (Legal(ly) Spread Dope) unter dem Namen "Watch out for the third rail" veröffentlicht. Ab diesem Punkt ging es mit Deutschrap bergauf. Vor allem politische Texte, wie die von "Advanced Chemistry", aber auch ironische Texte und Spaßtexte wie von "Fettes Brot", dominierten den Markt.

In den frühen 2000ern wurde Deutschrap zunehmend brutaler. Auf düstere Beats aus Chören, Streichern und anderen orchestralen Elementen wurde der sogenannte Gangsta-Rap gerappt. Gangsta-Rap besteht aus bildlichen Beispielen, aggressivem Rap-Stil und vielen Schimpfwörtern, womit Rapper wie Kool Savas, Bushido und Azad viel Aufmerksamkeit erlangten. Zudem kam immer mehr Beef zwischen den Rappern auf, welche sich dann auf sogenannten Disstracks gegenseitig beleidigten und schlechtmachten. Ein paar Jahre später wurden dann immer mehr „soziale Brennpunkte" in den Blick genommen und die Leute rappten über das Leben auf der Straße und im Ghetto. Allerdings brach Gangsta-Rap auch Tabus. Lines wie: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" und „Mache wieder mal ‚nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow" von Farid Bang und Kollegah, stießen vermehrt auf Ablehnung und Kritik.

Danny Future hat während seiner Arbeit mit Jugendlichen ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht, welche Themen diese in ihren Texten verarbeiten: "Also sehr stark geprägt ist das natürlich von Trends und was so in den Medien ist. Aktuelles wird thematisch behandelt, und es gibt natürlich auch immer wiederkehrende Muster, wie zum Beispiel Frauen, die sexuell behandelt werden. Die meisten Menschen orientieren sich dann sehr an ihren Vorbildern, sowohl vom Sound als auch von der Stimmlage her. Ich glaube, wenn man seinen Text schreibt, hat man auch ein Bild im Kopf, wie man rappen möchte. Für die einen ist das halt eine politische Aussage machen, für die anderen dann eher Spaß."

Deutschrap erlebte einen massiven Wandel im Zeitalter des Internets. Rap-Releases werden nicht mehr in Zeitschriften angekündigt, sondern in sozialen Medien wie Instagram oder auch YouTube. Außerdem wurden keine Hip-Hop-Jams mehr veranstaltet und Rap war schon lange keine verschlossene Musikrichtung mehr, sondern fast schon Mainstream.

Jeder kann heute rappen, wenn er nur ein bisschen Ausrüstung hat. Danny Future sieht das auch kritisch. Für ihn besteht das Problem darin, "dass es viel mehr oberflächliche Musik gibt, die Texte sind austauschbar und die Künstler ähneln sich viel zu stark, was vor allem daran liegt, dass es so viele gibt. Das ist allerdings auch ein Vorteil, weil jeder, der sich ein gutes Mic leisten kann, könnte auch schon qualitativ rappen. Ich finde es aber auch gut, dass die Auswahl viel größer ist, obwohl einem auch ziemlich viel Schlechtes über den Weg läuft. Mit dem Oberflächlichen meine ich halt, dass es immer einfach ist, über „Bitches" zu rappen und sich solche Geschichten auszudenken, die man schon tausendmal gehört hat. Und diese innovativen Leute, die versuchen, was Neues mit Sound zu machen, die gehen dann schnell unter."

Aus diesem Grund versucht auch Danny Future vom Jugendbüro Mettenhof, Jugendliche zu animieren, selbst zu rappen. Er hat seine eigene Vorgehensweise entwickelt, indem er zunächst Beats erstellt, sich die Melodie vorsingt und dann daraus den Text ableitet. "Es ist schon das Gefühl, was ich dann habe, wenn ich den Beat höre. Ich hab zum Beispiel dann mit Freunden zum Thema Waldbrände in Australien und Brasilien etwas geschrieben, weil ich dachte, dass die Welt darauf aufmerksam gemacht werden sollte. Wenn Angela Merkel dann nicht mehr Bundeskanzlerin sein sollte, würden wir dazu auch etwas schreiben. Es ist also immer relativ spontan, was wir schreiben, aber dann doch beeinflusst von dem, was gerade in der Welt los ist."

 
2 Kommentar(e)
  1. Leon
    23. November 2020

    Ist es nicht übertrieben zu sagen, dass man mit Rap alle erreicht?
  2. Peter Walter
    24. November 2020

    Ich bin überzeugt von deiner Reportage. Und lass dich von diesem Leon nicht unterkriegen

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