"Man muss nur Lust dazu haben" - Die Brücke SH

Alba Neumann, Klasse 8a, Ricarda-Huch-Schule Kiel 18. November 2020
© Alba Neumann
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"Man muss nur Lust dazu haben"

Wie die Brücke Schleswig-Holstein hilft, Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt zu integrieren

Kiel. Die Glocke über der Tür des Buchantiquariats LesArt in der Nähe vom Exerzierplatz bimmelt. Das Schaufenster des kleinen Geschäfts ist vollgestellt mit Bücherregalen, die über und über mit DVDs, CDs und Werken von vielen verschiedenen Schriftstellern gefüllt sind. Hinter der Kasse sitzt eine ältere Dame, die die Kunden freundlich begrüßt.

Der Buchladen gehört zur Brücke Schleswig-Holstein, eine Werkstatt für Menschen mit psychischer Behinderung. Die Brücke hat 14 Standorte in Schleswig-Holstein. Auch diese Frau, welche ein langes rosa Kleid trägt und schulterlange, gräuliche Haare hat, ist psychisch erkrankt. Von außen sieht man das meist nicht, im Gegensatz zu Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung. „Unser Ziel ist es, Menschen mit Behinderung wieder in den normalen Arbeitsmarkt zu integrieren", berichtet Daniel Grade, ein netter Mann aus der Geschäftsführung der Brücke.

Die Brücke SH besteht aus mehreren Abteilungen, es gibt z.B. einen Buchladen, einen Fahrradladen, mehrere Cafés und eine Kantine, eine Wäscherei, eine Schneiderei und auch einen Secondhand-Laden. In jeder dieser Abteilungen gibt es einen Abteilungsleiter, ein Mensch ohne Behinderung, der seine Mitarbeiter sowohl fachlich als auch pädagogisch betreut. So hilft er beispielsweise bei Problemen zwischen Kollegen oder im Arbeitsalltag.

Die Arbeit ist immer auf die jeweilige Person abgestimmt. Auch wie lange eine Person arbeitet, hängt davon ab, wie ihr psychischer Zustand ist. „Wenn jemand hier zu uns kommt, dann ist es für ihn erst einmal ein Wunschkonzert, man muss es nicht können, man muss nur Lust dazu haben. Aber es liegt nahe, dass jemand eher als Koch arbeiten wird, wenn er schon Kocherfahrungen hat. Man kann aber auch etwas komplett anderes machen", sagt Grade.

Die Läden der Brücke unterscheiden sich nicht von anderen Geschäften. Menschen, die in die Geschäfte kommen, können zunächst oft gar nicht sagen, ob es ein Geschäft mit Menschen, die eine Behinderung haben, oder ein Geschäft mit Menschen ohne Behinderung ist. „Der einzige Unterschied ist das Verhalten der Leute und dass bei uns deutlich mehr Menschen als anderswo arbeiten, da natürlich alles etwas länger dauert", erklärt Grade. Menschen mit psychischer Behinderung können sich oft nicht lange auf eine Sache konzentrieren oder verzweifeln sehr schnell. Einige kommen auch zu spät zur Arbeit oder schaffen an einem Arbeitstag nur sehr wenig.

In der Brücke wird nicht zwischen Menschen unterschieden. Es gab noch nie Komplikationen. In der Kantine der Brücke herrschte immer ein reges Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung. Es war immer eine nette Atmosphäre. Aber leider kann auch das coronabedingt nicht mehr so stattfinden wie zuvor.

Der deutsche Arbeitsmarkt ist im Gegensatz zu anderen schon sehr fortgeschritten. In anderen Ländern gibt es das Angebot einer Behindertenwerkstatt gar nicht. Für Grade ist aber klar: „In Zukunft würde ich mir einen Arbeitsmarkt wünschen, auf dem eine Behindertenwerkstatt gar nicht mehr nötig ist."

 
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