Von kleiner Regatta zum weltweit größten Segelevent

Jette Gründers, Leni Haegerman 9b Gymnasium Altenholz 19. November 2020
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Was 1882 als gesellschaftliches Ereignis in Kiel begann, hat sich bis heute zu einem riesigen Volksfest entwickelt. Im Mittelpunkt stehen aber unverändert die seglerischen Wettkämpfe, an denen jährlich über 5.000 Segler aus der ganzen Welt teilnehmen. Während in den ersten Jahren die Zuschauer von der Kiellinie die Wettkämpfe beobachten konnten, findet heute ein großer Teil der Regatten außerhalb der Sichtweite des Publikums statt. Dank moderner Übertragungstechnik können Segelbegeisterte die Wettrennen auf Großbildleinwänden mitverfolgen.

Am 23. Juni 1882 starteten 20 Yachten zu einer Regatta. Es wurde eine Wettfahrt zwischen Kaufleuten und Marineoffizieren. Vor der Veranstaltung war viel geworben worden, so dass die Zuschauer schon damals mit Sonderzügen anreisten. Die Regattasegler wurden von zahlreichen Dampfschiffen begleitet, es war ein gesellschaftliches Ereignis, an dem Adelige, Kaufleute und auch die Bürger, Handwerker und Werftarbeiter von Kiel teilhaben konnten.

Schon zehn Jahre später wurden schon 100 Starter registriert. Gleichzeitig zeigt die kaiserliche Marine den Besuchern ihre technischen Fähigkeiten und ihre Kampfkraft. 1894 wurde der Name „Kieler Woche" erstmals in der örtlichen Zeitung erwähnt und ist seit dieser Zeit ein feststehender Begriff für die immer in der letzten Juniwoche stattfindende Veranstaltung.

1895 wurde der „Kaiser-Wilhelm-Kanal" unmittelbar im Zusammenhang mit der Kieler Woche eröffnet. Der deutsche Kaiser nahm von da an an der jährlichen Veranstaltung teil und beteiligte sich mit der kaiserlichen Segelyacht Meteor an den Wettkämpfen. Empfänge von ausländischen Staatsgästen fanden an Bord oder im 1891 gegründeten Kaiserlichen Yachtclub statt. Kiel wurde in jedem Jahr in der letzten Juniwoche zum politischen Zentrum. Der russische Zar, der englische König und auch Großindustrielle wie z.B. Gustav Krupp zu Bohlen und Halbach gehörten zu den regelmäßigen Gästen in Kiel.

 

Rund um die sportlichen und politischen Veranstaltungen entwickelt sich ein Volksfest. Entlang der Kieler Förde hatten tausende Menschen die Möglichkeit sich zu vergnügen. Zu den Segelwettbewerben kamen immer mehr andere Wassersportwettkämpfe hinzu wie z.B. das Kutterpullen, Motorbootwettfahrten. Die Attraktivität der Kieler Woche wurde hierdurch weiter gesteigert, so dass zur Jahrhundertwende schon 6.000 Teilnehmer an den Segelwettfahrten verzeichnet wurden. Nirgendwo auf der Welt gab es eine vergleichbare Veranstaltung.

Die Kieler Woche 1914 wurde durch das Attentat in Sarajewo unterbrochen. Der 1. Weltkrieg mit Kiel als Reichskriegshafen und kriegswichtiger Werftindustrie ließ die Durchführung einer Kieler Woche nicht zu. Bis 1919 fanden keine Regatten und kein Volksfest statt. Erst mit der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund 1926 wurde aus der bis dahin eher national geprägten Veranstaltung wieder eine internationale Sportveranstaltung. Segler und Marineschiffe besuchten die Kieler Förde bis 1933 die Nationalsoziallisten die Veranstaltung zu ihren politischen und ideologischen Interessen nutzten. 1936 wurde Kiel zum ersten Mal Austragungsort für die olympischen Segelwettbewerbe, aber der ursprüngliche Charakter eines völkerverbindenden Festes im Zeichen des Segelsports ging verloren. Zwischen 1940 und 1944 wurden wegen des 2. Weltkriegs keine Kieler Wochen durchgeführt.

1945 übernahmen die britischen Besatzungskräfte die Organisation einer Kiel-Week, allerdings nur als Segelwettbewerb ohne deutsche Beteiligung. In den folgenden Jahren wurden in Anbetracht der wirtschaftlichen und politischen Lage keine Segelwettkämpfe organisiert. Der Kieler Oberbürgermeister Andreas Gayk war es, der ein neues Konzept für eine völkerverständigenden Kieler Woche entwarf. Dieses Grundkonzept existiert bis heute und stellt die Grundlage jedes neuen Programms dar. Die ursprüngliche Konzeption aus Volksfest, Sportveranstaltung und kulturellen Events wurde entwickelt. Ab 1950 nahmen auch wieder die politischen Führungskräfte an der Kieler Woche teil. Bis heute werden das traditionelle „Glasen" und das Typhonsignal „Leinen los" von einer Persönlichkeit aus Politik oder Kultur vorgenommen. Auf diese Art wird die Kieler Woche unter den Augen von tausenden Zuschauern eröffnet. Von diesem Zeitpunkt an startet das 9 tägige Spektakel und endet dann am letzten Sonntag um 23.00 Uhr mit einem großen Abschlussfeuerwerk.

1972 wurde Kiel zum zweiten Mal Olympiastadt. Mit dem neuen Olympiahafen in Schilksee konnte eine moderne Hafenanlage für Segler geschaffen werden, die in der Kieler Woche tausende Schiffe aus der gesamten Welt aufnehmen kann. Das Volksfest stand in diesem Jahr zunächst ganz im Zeichen der Segelwettbewerbe, bis die Attentate in München ein Schatten auf die fröhliche Veranstaltung warfen. Das Jahr 1972 brachte dann eine weitere Tradition auf: am letzten Samstag wurde als offizielle Verabschiedung der Segler eine Windjammerparade mit Großseglern aus unterschiedlichen Nationen durchgeführt. Die Segelriesen werden jedes Mal von hunderten kleinen Schiffen begleitet, mehr als 100.000 Zuschauer können die Ausfahrt der Schiffe aus der Förde Richtung offener Ostsee verfolgen.

Das Volksfest wird ab 1974 durch die Spiellinie ergänzt. Für die kleinsten Besucher wird ein buntes Unterhaltungsprogramm zu unterschiedlichen Themen angeboten. Durch diese Attraktion wurde die Veranstaltung zu einem echten Familienfest.
1982 wurde 100-Jahre Kieler Woche gefeiert und 1994 die 100. Kieler Woche. Beide Wochen wurden mit besonderen kulturellen und sportlichen Aktionen ergänzt. 1995 folgte dann der 100. Jahrestag der Kanalfertigstellung. In diesem Jahr eröffnete mit Angela Merkel erstmals die amtierende Bundeskanzlerin die Festwoche.

Die Teilnehmerzahlen der Segler blieben auf einem sehr hohen Niveau von 5.000 Booten, die Zahl der Besucher des Volksfestes stieg ständig an, 2012 wurde die 3 Millionenmarke überschritten. Das Festareal wurde ausgeweitet auf die Hörn und die ehemaligen Werfgelände am Ostufer. Große Musikevents von weltbekannten Künstlern gehören heute genauso zur KiWo wie die Verleihung von Wissenschaftspreisen oder anderen Ehrungen. Das Fest hat sich in den letzten Jahren zu einem Spektakel entwickelt, das die gesamte Stadt und zum Teil die Region einschließt. Die unterschiedlichsten Institutionen und Vereine bieten Veranstaltungen an, durch die dann aus ganz Deutschland Besucher angezogen werden.

Und 2020 kam alles anders. Durch die Coronapandemie wurde erstmals seit 70 Jahren auf ein Volksfest verzichtet. Der Schwerpunkt sollte auf den Segelwettkämpfen liegen, aber trotz guter Organisation kam keine echte Feststimmung auf. An den wenigen Orten, an denen das „normale KiWo-Leben" stattfinden sollte, kam keine Stimmung auf, viele Veranstaltungen wurden nur sehr schlecht besucht, da die meisten Menschen Angst vor Infektionen hatten.

Aber die Kieler Woche hat in fast 140 Jahren immer wieder Höhen und Tiefen erlitten. Durch politische oder wirtschaftliche Veränderungen hat sich das Gesicht der Veranstaltung mehrfach grundlegend verändert, um dann nach einer Weile mit neuem Elan und ordentlich Wind im Segel wieder Fahrt aufzunehmen. Die Grundidee von Andreas Gayk, ein völkerverbindendes Fest rund um das Segeln in Kiel durchzuführen, wird auch in Zukunft die Grundlage einer Kieler Woche bleiben. Und dieser Grundgedanke ist eine Erfolgsgarantie für die Zukunft.

 
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