Die Wissenschaft braucht Nachwuchs

Lina Piálek 18. November 2021 19 Kommentar(e)
Schüler forschen im Themenlabor der Kieler Forschungswerkstatt © Kieler Forschungswerkstatt Dr. Katrin Knickmeier, Leiterin der Kieler Forschungswerkstatt © Kieler Forschungswerkstatt

Kiel. Das grellweiße Laborlicht strahlt hell die Arbeitstische an, die Gefäße, Werkzeuge und Hilfsmittel sind sorgfältig vorbereitet und das Forschungsobjekt liegt bereit. Es wird gemessen und gewogen, die Daten im Laborbuch festgehalten. Dann wird mit dem Skalpell langsam und behutsam die glatte Haut des Tintenfisches aufgeschnitten, um den inneren Aufbau analysieren zu können. Die Organe werden vorsichtig entnommen, bestimmt und gemessen – jeder Schritt wird akribisch dokumentiert im Alltag der Kieler Forschungswerkstatt.
Die elf-jährige Izel nimmt gerade an der Ferienakademie zu Meeresbiologie teil und seziert bereits am dritten Tag ganz selbständig einen Tintenfisch. „Fragestellung, Hypothese, Experiment, Beobachtung, Ergebnis, Beschreibung – so funktioniert Wissenschaft" erklärt Dr. Katrin Knickmeier, Leiterin der Einrichtung. All das können Kinder und Schüler in Lern- und Laborräumen der KiFo im Botanischen Garten nicht nur erlernen, sondern auch erleben. Mehr als 20 engagierte Wissenschaftler und Lehrkräfte leiten dort Schüler zum Staunen, Experimentieren und Diskutieren an und fördern somit das Interesse junger Menschen an Wissenschaft generell und an den MINT-Fächern im Speziellen.
Bereits 2015 bestätigte die PISA Studie, dass deutsche Schüler zwar gute Leistungen in den Naturwissenschaften erbringen, sich aber wenig für diese Fächer interessieren. Und genau dem möchten Einrichtungen wie die Kieler Forschungswerkstatt entgegenwirken. Um Schüler für Naturwissenschaften zu begeistern, sind laut Katrin zwei Aspekte von Bedeutung: „Einerseits muss der Schulunterricht anschaulich und aktuell gestaltet werden. Und andererseits ist es wichtig, die Neugier bei Kindern schon sehr früh zu wecken, da man sich im deutschen Schulsystem schon sehr früh für Schularten und Profile entscheiden muss." So entwickeln die Fachwissenschaftler der KiFo gemeinsam mit Lehrern Unterrichtsmaterialien, welche auf die Lehrpläne abgestimmt sind, um bereits im Unterricht den Forschergeist zu wecken. Diese werden dann in Lehrerfortbildungen vorgestellt.
Die KiFo arbeitet aber vor allem direkt mit Kindern zusammen: Schulklassen ab Klasse 3 stehen 12 verschiedene Labore zu Natur- und Geisteswissenschaften zur Auswahl. Interessierte Schüler, wie Izel, werden in Ferienakademien oder Nachmittags-AGs gefördert. Hier arbeitet die KiFo eng mit dem Schülerforschungszentrum Schleswig-Holstein zusammen, das seinen Kieler Standort ebenfalls in der KiFo hat. Anders als im Unterricht, sammeln Schüler in der KiFo hauptsächlich praktische Erfahrungen, sei es mit Skalpell, 3D-Drucker, VR-Brillen oder Wärmebildkameras. Auch auf Großveranstaltungen wie der Kieler Woche oder der Nacht der Wissenschaft kann man die interaktiven Angebote der KiFo finden. Besonders die Themenlabore für Schulklassen liegen Katrin am Herzen, weil dadurch auch solchen Schülern Zugang zu Naturwissenschaften ermöglicht wird, die sich in ihrer Freizeit sonst nicht mit solchen Fragen auseinandersetzen würden. Es wird viel Wert darauf gelegt, dass alle Veranstaltungen für die Teilnehmer kostenlos sind, um niemanden auszuschließen. Dies gelingt nur durch die großzügige Unterstützung von Sponsoren, wie Ministerien, Stiftungen oder der EU. Außerdem finanzieren die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) die Gebäude, Einrichtung und einige Mitarbeiterstellen. „Manchmal werden die Gelder knapp und wir müssen beliebte Veranstaltungen, wie die Kinder-Uni, streichen. Aber insgesamt sind wir finanziell sehr gut aufgestellt und können Aktivitäten zu mehr Themen anbieten, als andere ähnliche Einrichtungen in Deutschland." berichtet Katrin stolz.
Als gemeinsame Einrichtung der CAU und des IPN, hat die KiFo immer Zugang zu den neuesten Forschungsergebnissen und kann diese direkt in ihre Angebote einbauen. Dadurch erfahren Schüler und Lehrer direkt von den spannenden Themen, welche hier in Kiel erforscht werden. „Außerdem sind Lehrbücher nicht immer auf dem aktuellsten Stand. Forschung ist viel schneller. In einem Biologielehrbuch wird man, zum Beispiel, noch keine Informationen zur Corona-Pandemie finden" erläutert Katrin Knickmeier. Bereits jetzt arbeiten ihre Mitarbeiter an Materialien zur UN-Klimakonferenz, welche erst letzte Woche in Glasgow beendet wurde.
Klimawandel und Pandemie sind nur zwei Beispiele, weshalb die Gesellschaft auf Forschung und Wissenschaft angewiesen ist. „Forschung ist nie zu Ende. Sie hilft der Gesellschaft sich weiterzuentwickeln und auf Risiken der Zukunft vorzubereiten" erläutert Katrin. Auch sei besonders heutzutage ein naturwissenschaftliches Grundverständnis wichtig, weil immer noch zu viele Menschen nicht an die Wissenschaft und Fakten glauben und dadurch auf Fake News hereinfallen. Deshalb braucht unser Bundesland auch in Zukunft genügend Forschende. „Leider gibt es in Schleswig-Holstein immer weniger wissenschaftlichen Nachwuchs, nicht nur wegen des mangelnden Interesses, sondern auch weil viele junge Leute nach der Schule wegziehen", bedauert Katrin. Aber sie ist zuversichtlich, dass die KiFo mit ihren zahlreichen Aktivitäten diese Trends verlangsamen kann, denn auch das wird wissenschaftlich vom IPN untersucht: manchmal füllen die Klassen vor und nach den Veranstaltungen Feedbackbögen aus, womit sich eine Veränderung ihres Interesses messen lässt. Ob Izel später an der CAU studieren und forschen wird, weiß sie noch nicht, aber sie ist jetzt fest entschlossen ein naturwissenschaftliches Profil zu wählen.

 
19 Kommentar(e)
  1. NF
    20. November 2021

    Ich hoffe wir gehen auch mal zur Forschungswerkstatt.
  2. Linda
    23. November 2021

    Toll, dass es Einrichtungen wie die KiFo gibt. Junge Menschen an die Wissenschaft heranzuführen ist wichtiger denn je!
  3. Jarmila
    23. November 2021

    Ein toller Beitrag. Jugend mit Interesse für Naturwissenschaften! Und das Besondere: Es lässt sich in Kiel ausleben. Die Forschung wird hier betrieben und die Jugendlichen erhalten die Möglichkeiten, hautnah dabei zu sein. Ein Plädoyer für die Region!
  4. Thomas
    23. November 2021

    Spannender Artikel! Die Kieler Forschungswerkstatt vermittelt interessierten Schülerinnen und Schülern Wissenschaft zum Anfassen und das wiederum vermittelt der Bericht ganz wunderbar. Top!
  5. Florian
    23. November 2021

    Stark. KiFo. Gerade in der heutigen Zeit ein gescheiter Beitrag. Viel Erfolg allen.
  6. Tanu
    23. November 2021

    Excellent & well written. Thank you, it's great reading
  7. peter
    24. November 2021

    sehr schön lina!
  8. peter
    24. November 2021

    sehr schön lina!
  9. Birgit
    24. November 2021

    Sehr informativ, anschaulich und wortgewandt wird hier über die KiFo und ihr breites Angebot berichtet. Ein feiner Beitrag, um künftige Nachwuchskräfte für Forschung und Wissenschaft zu begeistern!
  10. Jörn
    24. November 2021

    Sehr schöner, szenischer Einstieg. Und dann wirklich umfassend und sehr informativ.
  11. lukas
    24. November 2021

    schöner artikel über die kifo ich hoffe das wir da auch mall mit der klasse hingehen
  12. Heidi
    24. November 2021

    Das liest sich richtig gut! Mit Deinem anschaulichen Artikel, Lina, bringst Du die Sache auf dem Punkt. Die Förderung von Wissenschaft und wissenschaftlichem Nachwuchs sind heute wichtiger denn je.
  13. Caroline Schmidt-Gross
    24. November 2021

    Die Zukunft liegt im Wissenschaftsjournalismus. Ein sehr wertvoller Beitrag. Weiter so!
  14. Doreen
    24. November 2021

    Toller Artikel, sehr eloquent verfasst. Danke.
  15. Lia
    25. November 2021

    Toller Artikel!
  16. Jaro
    26. November 2021

    Es ist ausgezeichnet, wenn junge Leute für Forschung und Wissenschaft begeistern können. Und genau das tut dieser Beitrag! Weiter so!
  17. Mandy
    26. November 2021

    Super Artikel dazu, tolles Projekt!
  18. Iris Reitzig
    29. November 2021

    vom Wissenschaftszentrum Kiel 3 Sterne!!!
  19. Kim
    29. November 2021

    Ja, mehr Nachwuchs für die Wissenschaft in Schleswig-Holsteins! Sehr informativer Artikel. Toll geschrieben!

Kommentar schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert