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Bügel mit Geschichte

Carlotta und Julius Schmidt-Radefeldt 19. November 2022
Die Kleiderbügel aus Greifenhagen © Jürgen Schmidt-Radefeldt

Die Flucht der Radefeldts aus Pommern

In der Hand halten wir einen Kleiderbügel: Fritz Radefeldt OHG Greifenhagen, Kleidung in der man sich wohlfühlt. Die hellgelbe Farbe ist abgeblättert. Auch sonst wirkt er schon sehr abgenutzt. Woher kommt der? Und was steckt eigentlich hinter den Kaufhäusern von Fritz Radefeldt?

„Ich war 6 Jahre alt. Mein Bruder und ich gingen ins Kaufhaus Fritz Radefeldt und konnten mitnehmen, was wir wollten. Wir mussten nur sagen, dass wir seine Enkel sind, man kannte uns“, sagte unser Großvater. Welches Kind würde da nicht neidisch werden!

Wir sitzen im Wohnzimmer unserer Großeltern auf einem alten Sofa, unser Großvater Jürgen Schmidt-Radefeldt uns gegenüber auf einem Sessel. Auf dem Wohnzimmertisch liegen polnische Zeitungen, worin die Familiengeschichte der Radefeldts abgedruckt ist, sowie deren Familienchronik. In den Regalen stehen unzählige Bücher und Bilder von Kindern und Enkeln. Das Diktiergerät läuft. Das Interview beginnt.

Durch den 2. Weltkrieg wurden alle Kaufhäuser zerstört, außer das in Bahn. Es waren insgesamt sieben: in Greifenhagen, Neustrelitz, Templin, Königsberg, Küstrin und Soldin. Zwei Wochen vor Kriegsende floh der sechsjährige Jürgen mit seiner Familie von Pommern aus gen Westen. Sein Vater verteidigte sein Dorf Bahn im Volkssturm  bis zum Schluss. Mitgenommen hatten sie kaum etwas: „Ich hatte einen Bären, einen kleinen braunen Bären, den hab ich immer noch. Das ist das Einzige, was ich mitgenommen habe“. Die Familie traf den Vater später in Lübz und die Flucht ging weiter in einem Militärfahrzeug mit Jürgens Vater und anderen Soldaten und mit einem anderen Auto für die Familie. Bei Zapel im heutigen Mecklenburg-Vorpommern kam es dann zu der schrecklichen Tragödie. Tiefflieger beschossen die beiden Wagen. Jürgens Mutter, seine Tante und seine kleine Schwester kamen zu Tode, sein großer Bruder wurde schwer verletzt, Jürgen selbst nur leicht. „Es war der Horror“, erinnerte sich unser Großvater Jürgen.

Bei der Schilderung zeigt unser Großvater uns die Narben an seinen Fingern durch Streifschüsse und deutet auf die Stellen, wo sein Bruder getroffen wurde: An der Wange (Kieferknochen), am Oberschenkel, und er hatte den linken kleinen Finger verloren. Nachdem sein Bruder Ulrich im Krankenhaus notdürftig versorgt worden war, ging die Flucht zu dritt weiter: Die andere Schwester war vorerst bei Verwandten in Neustrelitz geblieben.

Dann versprach der Chefarzt einer Klinik ihnen Hilfe. Er wollte selbst Richtung Westen und bot an, sie in einem Anhänger mitzunehmen. „Es wurde schon dämmerig, dann hielt das Auto, wir im Anhänger sitzend dachten, es gehe gleich weiter. Nach zehn Minuten bewegte sich immer noch nichts, wir wurden langsam ungeduldig, also schaute unser Vater nach, was los war. Er sah, dass der Anhänger abgekuppelt worden war und der Doktor allein, ohne uns weitergefahren war. Er hat uns mitten auf der Straße sitzengelassen. Was soll man dazu sagen? Unglaublich, wie Menschen im Krieg nur an sich denken konnten“.

In Lübeck angekommen, wurden die Kinder zuerst in einem Kinderheim untergebracht, damit ihr Vater Zeit hatte, sich eine Wohnung für die Zahnarztpraxis zu suchen, eine Unterkunft und eine Mutter, die auf die Kinder aufpassen und sie erziehen konnte.

In Niendorf, da wo das Kinderheim stand, sahen die Brüder, wie tote KZ-Häftlinge am Ostseeufer angeschwemmt wurden. Die Leichen kamen von dem Schiff Kap Arcona, welches kurz vor Kriegsende versenkt worden war. Die Briten dachten, es wären deutsche Soldaten. Ein Irrtum: Es waren KZ-Häftlinge.

Im Heim hat er auch Kartoffelschälen gelernt. „Im Kartoffelschälen war ich immer der Weltmeister, das kann ich schneller als meine Frau“, sagte unser Opa und zwinkert seiner Frauzu.

1948 zog die Familie wieder zusammen: drei Kinder, ein Vaterund eine liebevolle Mutter in einer Wohnung in Lübeck. Der Vater arbeitete wie vor dem Krieg  als Zahnarzt.

Dasletzte erhaltene Kaufhaus mit sieben Säulen steht noch heute in Banje (Bahn) und wir konnten es 2020 auf einer Reise nach Polen ansehen. Der Großvater konnte seinen Kindern und allen Enkelkindern die Orte seiner Kindheit selbst zeigen. Verwunderlich war es trotzdem, den Namen Radefeldt in einem polnischen Text in einer Fotoausstellung in Greifenhagen zu entdecken: unter dem Bild des zerstörten Kaufhauses in Gryfino (Greifenhagen) .  

Aber warum jetzt die polnische Zeitung auf dem Tisch? Vor einem Jahr kam eine überraschende E-Mail aus Gryfino. Ein polnischer Journalist interessierte sich für die Geschichte der Radefeldts. Er veröffentlichte eine vierteilige Serie in der Greifenhagener Zeitung, wofür er sogar einen Preis bekam. Unser Großvater sagt dazu: „Nächstes Jahr werde ich ihn treffen und mit ihm über die Herausgabe einer deutsch-polnischen Publikation sprechen. Auf alle Fälle werde ich versuchen, noch mehr Bügel der Kaufhauskette Radefeldt zu bekommen, am besten aus den verschiedenen Städten mit verschiedene Aufdrucken.“

 

 
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