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Der Kieler Renn- und Reitverein

Solveig Nehlsen, Ernst-Barlach Gymnasium Kiel, Klasse 8d 19. November 2022 1 Kommentar(e)
"Wenn ich auf dem Pferd sitze, dann bin ich einfach ich selbst." (Sophie, Reiterin mit Handikap) © Solveig Nehlsen © Solveig Nehlsen

Kiel. Wenn man die Olshausenstraße entlang kommt, würde man zunächst nicht auf die Idee kommen, dass sich hier zwischen den Gebäuden der Christian Albrechts Universität das Gelände des Kieler Renn- und Reitvereins liegt. Doch wenn man aufmerksam ist, kann man ganz leicht die ausgeschilderte Einfahrt zum Verein entdecken. Ein kurzer Weg führt an einem Springplatz und einer kleinen Weide vorbei auf einen Parkplatz. Die eine Seite wird von einem Stall, aus dem manchmal ein paar Pferde ihre Köpfe durch Luken nach draußen strecken, abgegrenzt. Hier steht auch eine Führanlage und man sieht eine Seite einer Reithalle. Auf dem Gelände befinden sich außerdem noch mehrere Weiden, ein Außenreitplatz, eine Wohnung, welche vermietet wird und eine weitere Reithalle mit angrenzenden Außenboxen. Ich gehe erst einmal in die Reithalle, die man vom Parkplatz aus nicht sehen kann.

Hier ist es genauso eisig kalt wie draußen, doch deutlich gemütlicher. Die Atmosphäre ist ruhig und entspannt und man vergisst sofort, dass man sich eigentlich mitten in Kiel befindet.
Drei Reiterinnen bekommen gerade Unterricht von Frau Kins, welche mit ihrer Familie das Gelände gepachtet hat. Eigentlich sieht es wie ganz normaler Reitunterricht aus, doch trifft sich hier eine Gruppe Reiter mit einem Handikap. Also etwas Besonderes? Frau Kins denkt kurz nach und antwortet, dass sie der Ansicht ist, dass dieser Unterricht eigentlich gar nicht besonders ist, da so etwas ganz normal sein sollte. Und damit hat sie meiner Meinung nach vollkommen Recht. Alle Reiter/innen können auch in anderen Reitunterrichten teilnehmen. Zwischendurch unterbricht sie unser Gespräch, um ihren Schülern/Schülerinnen Tipps zu geben.
Auf die Frage hin, wie sie darauf gekommen sei, diesen Unterricht anzubieten, erzählt Frau Kins, dass es damit begonnen hatte, als sie gefragt wurde, ob sie Sophie, eine Reiterin mit Handikap, trainieren kann. Daraus hatte sich dann eine Gruppe von Reitern mit einem Handikap gebildet, da es schon immer Reiter mit einer Einschränkung im Verein gab.
Frau Kins hat auch die Reiter/innen schon zu vielen Wettbewerben begleitet. Sie erklärt, dass bei den Turnieren die Teilnehmer/innen je nach Stärke der Behinderung in verschiedene Level eingeteilt werden und nicht mit dem Pferd, mit dem sie trainieren antreten, sondern ein Pferd zugeteilt bekommen. Dies sei eine besondere Herausforderung, da sich jede/r Reiter/in komplett neu auf das Pferd einstellen muss. Sie sagt, dass es schön zu sehen sei, wie motiviert die Reiter und Reiterinnen bei den Turnieren sind und wie viel Spaß sie dabei haben.
Für die Zukunft wünscht sie sich auch einen Reitertag für die Reiter/innen mit einer Einschränkung zu veranstalten.
Als der Unterricht um 16:45 Uhr beendet wird, ist es draußen mittlerweile schon dunkel geworden.

Nachdem Sophie (32) das Schulpferd, auf dem sie geritten ist, versorgt hat, bietet sich mir die Möglichkeit mit ihr zu sprechen. Wir gehen in das Reiterstübchen. In dem grün gestrichenen Raum stehen Tische und gepolsterte Stühle und in der einen Ecke befindet sich sogar eine Küche mit kleiner Bar. In die rechte Wand sind viele Fenster eingebaut, sodass man in die, nun allerdings dunkle, Reithalle sehen kann. Zur anderen Seite schaut man auf den Hof hinaus. Wir nehmen Platz und beginnen unser Gespräch.
Sophie erzählt, dass sie mit sieben Jahren angefangen hat zu reiten und 2015 in Los Angeles an den Special Olympics teilgenommen hat. Sie spricht von schön gepflegten und modernen Reitställen. 11 Stunden musste sie nach Los Angeles fliegen und ganze zwei Wochen dauerte der Wettbewerb. Und sie hatte großen Erfolg, denn sie gewann zwei Goldmedaillen in den Kategorien Vielseitigkeit und Dressur.
In der Halle geht das Licht an und eine Reiterin mit Ihrem Pferd kommt rein. Hier am Verein gefällt Sophie das Gefühl der Gemeinschaft und dass der Hof nicht so weit entfernt ist, wie der auf dem sie vorher geritten ist. Sophie sagt: „Hier bist du für dich zum Reiten. Einfach mal abschalten. Wenn ich auf dem Pferd sitze, dann bin ich einfach ich Ihr nächstes Ziel ist es, Springen zu lernen und weiter an Turnieren teilzunehmen. Nachdem wir noch ein bisschen geredet haben, verabschieden wir uns und ich gehe in die zweite Reithalle des KRRVs hinüber.

Dort trainieren zwei Voltigiergruppen. Eine etwas jüngere und eine ältere. Die jüngere Gruppe hat heute Training auf dem Voltigierpferd, welches in der einen Hallenhälfte auf dem Zirkel longiert wird. In einer Ecke der Halle sind Trainingsgeräte wie Bälle, ein Trainings Bock und nachgeahmte Griffe des Voltigiergurtes, welche man auf den Boden stellen und zum üben von Handständen verwenden kann. Drum herum sind Yogamatten verteilt auf dem Sandboden verteilt. Man merkt sofort, dass die Kinder und Jugendlichen hier konzentriert bei der Sache sind und Spaß haben.

Ich frage eine Trainerin, warum sie diesen Nebenjob gerne macht. Daraufhin erzählt sie, dass sie es schön findet zu sehen, wie schnell Kindern und Jugendliche lernen und sich weiterentwickeln. Ihr gefällt an dem Sport, dass sich ein Team aus Turnerinnen, Trainerin, Longenführerin und dem Pferd bildet.
Hier beim KRRV ist der Voltigierbereich sehr groß und es entstehen auch noch mal ganz neue Freundschaftskreise.
Während unserm Gespräch hilft sie den Kindern aus ihrer Gruppe. Es wird geübt, von einem Trampolin aus, auf den Bock einen gelungenen Aufsitz hinzubekommen und dann ein Rad über das Hinterteil des Übungsbocks, auf eine Matte zu schlagen.
Häufig gehen die Gruppen auch auf Turniere, bei denen dann das Team neben einem schönem Erlebnis auch noch Turniererfahrung sammeln kann und Ehrgeiz entwickelt.
Neben ihrer Aufgabe als Trainerin ist sie auch noch Mitglied im Jugendvorstand des KRRVs. Sie möchte vor allem, dass Reiten und Voltigieren nicht mehr so stark in zwei Bereiche eingeteilt sind sondern, dass auch mehr gemeinsam unternommen wird.
Nun ist es 18 Uhr und die Trainingsgeräte werden eingeräumt, das Pferd versorgt, und die Sachen gepackt. Ein paar Eltern sind schon da, um ihre Kinder abzuholen.

Beim Verlassen des Geländes wird mir bewusst, dass jeder, der etwas mit Pferden und Ponies zu tun haben möchte, hier eine Möglichkeit dafür bekommt. Beim KRRV kann man sein Pferd unterstelle. Hier kann man Turnen, Reiten und Gemeinschaftssport über das Voltigieren verknüpfen. Und wenn man reiten möchte, kann man Reitunterricht nehmen, egal, ob man eingeschränkt ist, oder nicht. Denn das wird alles als ganz selbstverständlich angesehen

 
1 Kommentar(e)
  1. Simone Seifert
    25. November 2022

    Hallo Solveig, du hast toll und lebendig geschrieben. Das Lesen hat mir Spaß gemacht. Liebe Grüße an Sophie (ich kenne sie persönlich).

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