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Vom „Zaungast“ zur Weltmeisterin

Lena Kibbel, Klasse 9b der Ricarda-Huch-Schule 20. November 2022 3 Kommentar(e)

 Bälle fliegen durch die Luft, Wasser spritzt, Kommandos schallen übers Wasser, so klingt ein Kanupolotraining auf der Kieler Förde. Oben an der Kaimauer steht Ortrud Kibbel, ehemalige Trainerin und Kanupololegende. Vor 20 Jahren gewann sie ihre zweite Weltmeisterschaft mit der deutschen Damen-Kanupolo-Nationalmannschaft.
Durch eine AG in der Schule sammelte Ortrud erste Erfahrungen im Kanupolospielen. Für einen Vereinsbeitritt zusätzlich zum Handballspielen fehlte jedoch die Zeit. Nach einer Knieverletzung musste sie das Handballspielen aufgeben und tauchte in die Welt des Wassersportes ein.
Beim Kanupolo spielen zwei Mannschaften gegeneinander. Das Ziel ist es, den Ball im gegnerischen Tor zu versenken. Hierbei muss neben Fangen, Werfen und Gegnerabwehren, auch noch das Boot stabil gehalten werden. Dafür sind besondere Techniken gefragt. „Ich bin bei meinem ersten Wurf aus dem Kajak gekentert, weil ich die Schwungkraft des Wurfes unterschätzt habe", erzählt Ortrud Kibbel lachend.
Mit 18 Jahren ist Ortrud erst dem Göttinger-Paddler-Club beigetreten und nach ihrem Umzug nach Kiel der Kanu-Vereinigung-Kiel. Neben ihrem Studium und eigenem Training, engagierte sie sich in ihrem Paddelverein in verschiedenen Ämtern und als Trainerin. In der Sommersaison trainierte Ortrud viermal die Woche drei Stunden auf dem Wasser und nahm jedes zweite Wochenende an Turnieren oder Trainingslagern teil. Das Wintertraining bestand aus Laufeinheiten, Krafttraining und Sprint- und Langstreckentraining auf dem Wasser. „Besonders wichtig war mir am Training und den Turnieren neben dem Spaß am Sport auch immer der Kontakt zu den Teamkolleginnen und den anderen Mannschaften", erzählt Ortrud.
Nach fünf Jahren hartem Training wurde Ortrud Kibbel von Bundestrainer Patrick Liebmann erstmals zum Training der Damennationalmannschaft eingeladen. Wenige Wochen später fuhr sie als Zuschauerin zu einem internationalen Turnier, bei dem die Nationalmannschaft spielen sollte. „Durch krankheitsbedingte Ausfälle fehlten dem Team kurzfristig mehrere Spielerinnen. In Unterzahl durfte die Mannschaft nicht starten. „Durch Zufall hatte ich meine Ausrüstung dabei und konnte einspringen", berichtet Ortrud. Sie nutzte ihre Chance! Das Turnier verlief sensationell, Ortrud warf die Hälfte aller Tore für das deutsche Damenteam und spielte sich so in den Kader. Es öffneten sich neue Türen: Ortrud bekam die Möglichkeit zur drei Monate später stattfindenden Weltmeisterschaft nach Adelaide in Australien mitzufahren. „Ich freute mich natürlich riesig, aber hatte auch ein bisschen Angst vor der Verantwortung. Für mich kam es total überraschend."
Und wie finanziert man so spontan eine Reise um die halbe Welt?
„Mit viel Unterstützung der Fangemeinde", antwortet Ortrud Kibbel grinsend auf diese Frage. „Da Kanupolo keine olympische Sportart ist, gibt es für internationale Meisterschaften keine finanzielle Förderung aus Bundesmitteln. Wir Sportlerinnen sind auf Fördermittel vom Landeskanuverband, dem eigenen Verein und privaten Sponsoren angewiesen. Zum Glück haben mich meine stolzen Großeltern damals großzügig unterstützt."
Und so ging es am 01.10.1996 los zur Kanupolo-Weltmeisterschaft in Adelaide/Australien. Nach einem spannenden Turnier erreichten die deutschen Kanupolo-Damen den 3. Platz. Ortrud Kibbel als zweitbeste Torschützin der Meisterschaft trug wesentlich zu diesem Erfolg bei. Anschließend ging es Schlag auf Schlag. Bei den folgenden drei Weltmeisterschaften in Portugal, Brasilien und Deutschland war Ortrud dabei und erreichte mit Ihrer Mannschaft zweimal Gold. „Bei den internationalen Turnieren ist es sehr spannend, die unterschiedlichen Spieltaktiken der verschiedenen Mannschaften zu beobachten. Die deutschen Frauen nutzten zum Beispiel starke Würfe zu ihrem Vorteil, die französische Mannschaft setzte auf Schnelligkeit und die Australierinnen konzentrierten sich in der 1:1-Deckung auf einen starken Zweikampf", erklärte Ortrud.
Vor allem die letzte Weltmeisterschaft ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben. „Im eigenen Land vor heimischem Publikum zu spielen war unglaublich. Die Fans auf der Tribüne haben getobt. Und als wir dann das Finale gewannen, das war ein unfassbares Gefühl", erinnerte sich Ortrud Kibbel. „Auch die deutschen Nachwuchsmannschaften, die weiblichen und männlichen Junioren, haben bei dieser Meisterschaft Gold geholt. Und die Herrenmannschaft stand ebenfalls auf dem Siegerpodest. Das ist bis heute einmalig und war ein sehr besonderer Moment für das deutsche Team".
Mit dem Gewinn dieser Meisterschaft beendete Ortrud Kibbel 2002 ihre internationale Sportkarriere und konzentrierte sich neben Ausbildung und Beruf auf das Training in ihrem Heimatverein, der Kanu-Vereinigung Kiel. Sie engagierte sich weiter als Spielertrainerin in der Damenmannschaft, coachte und trainierte aushilfsweise die Herrenmannschaft und führte ihre Arbeit in den Vorständen der Kanu-Vereinigung Kiel und des Landes-Kanu-Verbands fort.
„Alles in allem war es eine tolle Zeit. Ich habe wertvolle Erfahrungen gemacht, viele Freundschaften geschlossen und auch viel über mich selbst gelernt. Inzwischen habe ich allerdings die Bootsklasse gewechselt und steige eher ins Seekajak, als ins Poloboot. Aber wenn ich hier auf der Kaimauer stehe und das wilde Treiben auf dem Wasser sehe, juckt es mich doch hin und wieder in den Fingern, ins Boot zu steigen und ein paar Bälle aufs Tor zu werfen."

 
3 Kommentar(e)
  1. Marit Kibbel
    23. November 2022

    Mir hat der Artikel sehr gut gefallen. Super
  2. Marit Kibbel
    23. November 2022

    Mir hat der Artikel sehr gut gefallen. Super
  3. Schauermann, Christine
    3. Dezember 2022

    Der Artikel hat den Werdegang von Ortrud Kibbel sehr griffig und präzise nachvollzogen

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