„An diesem Tage verlor ich alles, was mir lieb war!"1

Paula Stassel, 8a, Jungmannschule 21. November 2025 2 Kommentar(e)
Erna Martha Fischer mit etwa 16 Jahren © Familienfoto

Erna Martha Fischer (98 Jahre), Kriegsüberlebende aus Hamburg erinnert sich in einem Interview mit ihrer Urenkelin Paula Stassel

Wie hast du den Bombenangriff auf Hamburg im Juli 1943 erlebt?

Erna Fischer: Es war in der Nacht, als wir die Sirenen dröhnen hörten. Meine Eltern, meine 15-jährige Schwester Helga und meine damals 2-jährige Schwester Gerda und ich liefen die Treppe unseres Wohnblocks in der Hammerbrook Straße hinunter in den Keller. Es war unheimlich, wir hörten die Bomben.
Es rieselte von der Decke. Wir hielten uns die Ohren zu. Meine größere Schwester weinte.
Mein Vater sah sich im Keller um, die Durchbrüche machte er auf. Da konnten wir aber nicht mehr raus. Dort brannte es schon. Wir sollten nun aus dem Keller raus und zur Idastraße laufen. Dort war auch ein Luftschutzkeller.
Mein Vater nahm mir meine kleine Schwester ab. Ich war die letzte. Vater und Mutter und meine Geschwister liefen vor mir raus. Auf der Treppe kehrte ich um. Es stand dort eine Mutter mit drei kleinen Kindern. Sie hatte ihre beiden Jungen auf dem Arm. Ich nahm ihr die kleine Tochter ab. Ich lief nun raus, mit dem Mädchen auf dem Arm. Ich lief nun in die Idastraße so wie es mein Vater es gesagt hatte.
Da kamen mir aber so viele entgegen. Da bin ich umgedreht und mitgelaufen. Ich habe mich dann in einen Eingang gestellt. Es war so ein Sturm auf der Straße und aus den Häusern kam das Feuer.

Hast du deine Familie noch sehen können?

Ich hörte meinen Vater auf der Straße noch einmal nach mir rufen. Wo er war, wusste ich jedoch nicht.
Ich bin dann mit dem Kind auf dem Arm weitergelaufen über die Kreuzung Hammerbrook/Süderstraße. Da standen einige Leute in einem Hauseingang. Ich stellte mich mit dem Kind dazu. Sie war wohl ca. 2 Jahre alt.
Wir gingen alle in den Keller und machten die große Eisentür zu. Es war dunkel. Ich setzte mich an eine Wand, das Kind saß auf meinem Schoß.
Meine Beine fingen an zu schmerzen und ich habe gejammert.

Konntest du Verletzungen bei dir erkennen?

Ein Mädchen im Keller hatte eine Taschenlampe dabei und sah meine Beine an. Da waren große Brandblasen. Ich wurde zeitweise ohnmächtig, wie lange weiß ich nicht.

Kannst du dich noch an die Situation im Keller erinnern?

Ja, ich erinnere mich noch daran, wie eine Frau uns eingemachte Erdbeeren im Glas brachte. Das kleine Mädchen auf meinem Schoß weinte. Ich steckte ihr eine Erdbeere in den Mund.
Ich sagte zu den anderen Leuten im Keller, dass es nicht mein Kind sei. Ich bin dann wieder ohnmächtig geworden. Wie ich aus dem Keller gekommen bin, weiß ich nicht.

Wo setzen deine Erinnerungen wieder ein?

Als ich wieder zu mir kam, wurde ich von zwei Männern über Trümmer geleitet.
Dann in eine große Decke gelegt und durch die Süderstraße getragen.
Dort wurde ich auf einen Lastwagen gelegt. Wohin sie dann fuhren, weiß ich nicht mehr. Ich wachte erst in einem Bett wieder auf.
Ich befand mich in einem Lüneburger Krankenhaus. Dort habe ich Wochen gelegen in der Hoffnung von meinen Eltern etwas zu hören. (Fortsetzung Teil 2)

 
2 Kommentar(e)
  1. A.m
    24. November 2025

    Ich finde dies ist ein sehr wichtiges Thema. Es ist toll geschrieben. Dieses interview solte man irgendwie festhalten da es wichtig ist Aussagen der Zeitzeugen zu bewahren
  2. C.J
    24. November 2025

    Der Text wurde sehr gut geschrieben! Aber diese Geschichte ist so traurig , Erna Martha Fischer hat so viel erlebt in ihrem Alter früher welches echt traurig ist.

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