Die Brandnacht vom 3./4. April 1943 in Krokau

Klasse 10b (Gymnasium Lütjenburg) 19. November 2019 3 Kommentar(e)
© Klaus Lamp

Die Brandnacht vom 3./4. April 1943 in Krokau
Mein Großvater Klaus Lamp erinnert sich

VON LARS RUBEN LAMP (10b)
Krokau. An einem düsteren Oktobernachmittag besuche ich meinen Großvater, der nach einem schweren Sturz meiner Großmutter und der darauf gefolgten größeren Operation für längere Zeit alleine zu Hause ist. Ich versuche ihn aufzuheitern und er befragt mich, wie so oft, zur Schule. Schnell kommen wir auf mein Lieblingsfach, Geschichte, zu sprechen, in dem wir gerade den zweiten Weltkrieg zum Thema haben.
Ich nutze die Gelegenheit, meinen Opa zu befragen, was sich eigentlich damals bei uns in Krokau ereignet hat. Mein Opa erinnert sich sofort sehr genau an die Brandnacht vom 3. auf den 4. April 1943, als hätte sie sich erst gestern ereignet, obwohl er damals erst neuneinhalb Jahre alt war. Er sei krank gewesen und habe deshalb früh in seinem Zimmer unterm Dach des elterlichen Bauernhofs ins Bett gehen müssen. Gegen 23 Uhr sei er vom Tröten der Trompete, die einen Fliegeralarm ankündigte, geweckt worden, denn eine Sirene habe es damals in Krokau noch nicht gegeben. Seine Großmutter, die im Zimmer nebenan schlief, habe ihn hektisch ermahnt, sich schnell warm anzuziehen und im Keller in Sicherheit zu bringen. Kaum unten angekommen habe er schon die ersten Bomben einschlagen hören. Etwas später sei noch ein ohrenbetäubender Knall erfolgt.
Ich stelle mir vor, wie es mir in dieser Situation gegangen wäre. Ich hätte sicher sehr große Angst gehabt. Auf meine Nachfrage meint mein Großvater jedoch, er sei viel zu aufgeregt gewesen, um sich zu fürchten, er habe das als großes Abenteuer erlebt, so viel sei noch nie im Dorf los gewesen.
Nachdem keine Bomben mehr gefallen seien und auch keine Flugzeuge mehr zu hören ge-wesen wären, seien zuerst die Männer nach Oben gegangen, um nach den Schäden zu se-hen, schildert er weiter. Aus Neugierde habe er sich dann heimlich hinterhergeschlichen. An seinem Elternhaus sei glücklicherweise kein Schaden entstanden, nur das Dach des Kuhstalls sei leicht eingedrückt gewesen. Aber auf der gesamten gegenüberliegenden Straßenseite hätten 8 Bauernhöfe in Flammen gestanden, weil sie von Brandbomben getroffen worden waren.
Beim Gasthaus Kähler schräg gegenüber wären alle Scheiben zersprungen gewesen. Er hätte im dortigen Festsaal die wegen des Krieges von HDW ausgelagerten Materialen sehen können. Auch der Kaufmannsladen gleich nebenan sei eingestürzt gewesen. Rechts und links des Weges zum heutigen Spielplatz hätten ca. 40 tote Kühe gelegen. Aus den Gesprächen der Erwachsenen habe er erfahren, dass der laute Knall von einer Luftmine stammte, deren Explosion und große Druckwelle diese Schäden verursacht hätte. Beim Lauschen sei er aber leider erwischt worden und von seinem verärgerten Vater eiligst zurück ins Bett geschickt worden.
Ich kann mir nicht vorstellen, in einer solchen Situation schlafen zu können und frage meinen Opa, wie ihm das gelang. Er meint, er sei vermutlich wegen seiner fiebrigen Erkältung und der vielen Aufregung vor Erschöpfung eingeschlafen.
Erst am nächsten Morgen habe er dann erfahren, dass die Erwachsenen die ganze Nacht mit Lösch- und Aufräumarbeiten verbracht hatten. Ein Krokauer und eine polnische Zwangsarbeiterin seien dabei ums Leben gekommen, die habe er aber nicht näher gekannt. Keines der brennenden Häuser hätte gerettet werden können. Das Dach des Kuhstalls sei später ausgebessert worden und habe dann noch viele Jahre gehalten.
Damit ich mir ein Bild vom damaligen Krokau machen kann, holt mein Opa sein Fotoalbum aus dem Wohnzimmerschrank und zeigt mir alte Aufnahmen seines Elternhauses und der umliegenden Höfe und Häuser. Viele davon existieren heute nicht mehr. Das Elternhaus je-doch kenne ich gut, denn es steht bis heute mitten im Dorf und wird vom jüngeren Bruder meines Großvaters und dessen Kindern bewohnt, die es gerade erst wieder saniert haben.

Für mich ist es heute kaum vorstellbar, dass unser ländlich-friedliches Krokau ein brennender Kriegsschauplatz war und es beeindruckt mich sehr, mit welcher Gelassenheit sich mein Großvater daran erinnert. Ich bin sehr froh, dass ich in friedlichen Zeiten aufwachsen darf und beim Einschlafen nicht fürchten muss, von einem Fliegeralarm geweckt zu werden.
Ich verlasse meinen Großvater sehr nachdenklich mit dem Versprechen, ihn bald wieder zu besuchen, um noch mehr aus seiner Kindheit zu erfahren.

 
3 Kommentar(e)
  1. delvan ali
    2. Dezember 2019

    ich finde es gut das ihr etwas aus der Vergangenheit berichtet LG delva
  2. Loni
    2. Dezember 2019

    Ein sehr interessanter Artikel!
  3. BendieBendie
    16. September 2020

    Ein sehr gelungener Artikel, ich hoffe ich darf noch mehr spannende Artikel von dir lesen Ruben!

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