Einfach mal ne Runde kicken

Theo Bauer und Janna Rix, 9b Gymnasium Altenholz 13. November 2020 12 Kommentar(e)
© Fotos von Bosse Bensch u. Johanna Emilia Porath
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Der TUS Holtenau hat seit dieser Saison eine neue A-Jugend Fußballmannschaft. Das allein ist nichts Ungewöhnliches, aber die Geschichte dahinter ist eine Besondere. Sie erzählt von jugendlichem Engagement, von Spaß am Fußball und von euphorischen Fans. Erwachsene kommen in dieser Geschichte hingegen fast nicht vor.

Ein Sonntagnachmittag im September. Die Sonne scheint und es ist warm. Etwa 80 Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren tummeln sich in voller Fanmontour - mit Tröten, Trommeln und Trompeten - vor dem Vereinsheim des TUS Holtenau. Aber warum dieser Trubel und diese Aufregung? Angesetzt ist auf dem Fußballplatz des beschaulichen Kieler Vorortes heute nur ein ganz normales A-Jugend-Spiel, wie es in Deutschland tausendfach an einem Sonntagmorgen stattfindet. Aber hier ist etwas anders als sonst. Es stehen keine Eltern am Spielfeldrand. Das Publikum ist so jung wie die Spieler auf dem Platz. Auch auffallend viele weibliche Fans sind vor Ort. Nicht einmal ein erwachsener Trainer oder Betreuerstab ist zu finden. Warum? Die Geschichte der Mannschaft ist eine ganz Besondere.

Sie begann im August im Chemieunterricht. Dort saß ein 17-Jähriger Schüler des Gymnasiums Altenholz und war nicht wirklich bei der Sache. "Ich habe mich etwas gelangweilt und bin gedanklich abgeschweift. Dann kam mir eine großartige Idee", erzählt Gustav Zitscher. Schon lange hatte er wieder Lust gehabt, eine Runde zu kicken. Aber so ganz ohne Leistungszwang und Druck von oben - und ohne die Eltern, die ihren Sprösslingen vom Rand zujubeln. Spaß am Fußballspielen sollte im Vordergrund stehen. Dennoch sollte etwas Organisation und Ernsthaftigkeit auch nicht fehlen, denn er wollte ja schon ein festes Team zusammenzubekommen, das sich auch regelmäßig treffen würde. Mit seinem Mitschüler und Freund Ole Meckenstock, ebenfalls leidenschaftlicher und erfolgreicher Fußballer seit Kindestagen, hatte er schnell einen Mitstreiter für sein Vorhaben gefunden. Nun hieß es telefonieren, recherchieren und mobilisieren. Das Team war tatsächlich ziemlich schnell komplett. Offensichtlich hatte Gustav mit seiner Idee einen Nerv bei seinen Freunden getroffen. Innerhalb kürzester Zeit waren fast 20 Mannschaftskameraden aus Altenholz, Dänischenhagen, Strande, Holtenau und Friedrichsort für das Projekt gefunden - ein ziemlich bunter Haufen. Es war alles dabei vom Freizeit- und Schulhofkicker bis zum erfolgreichen Auswahlspieler. Nun brauchte es noch einen Verein. Nach einer gar nicht so langen Suche wurden sie beim dem TUS Holtenau fündig. Passenderweise hatte dieser aktuell keine A-Jugend Mannschaft und dazu noch einen netten und schnell für die Idee zu gewinnenden Vorstand. "Der Verein hat uns wirklich super unterstützt. Besonders der Fußballbeauftragte Max Drews hat sich richtig mit und für uns reingehängt. Ohne das Wohlwollen des Vereins und dessen Hilfe hätten wir die organisatorischen Hürden nicht so einfach nehmen können", sagt Gustav. Trikots, Spielerpässe, die Anmeldung in der Liga und einzuhaltende Corona-Richtlinien, das sei für die Jugendlichen ja alles Neuland gewesen. Mit einem Grinsen verrät er, dass der Verein aber auch keinen Hehl daraus gemacht habe, dass man sich über die letztendlich 24 neuen Vereinsbeiträge durchaus sehr freue. Besser hätte es also nicht laufen können. "Es war eine Win-win-Situation", sagt Gustav. Allerdings bis dahin nur in der Theorie. Nun musste auch auf dem Platz gewonnen werden.

Die Trillerpfeife des Schiri schrillt über den sonnigen Rasen. Anpfiff. Das erste Tor fällt schon nach wenigen Minuten - und zwar für den TUS Holtenau. Die Mannschaft hat bis zum heutigen ersten offiziellen Ligaspiel gegen die FSG Hüttener Berge nur ein paar mal gemeinsam trainiert. Es läuft hervorragend. Das Publikum auf der Tribüne tobt, die Tröten tuten. Mit jedem Tor werden das Trommeln und der Jubel lauter. Und nicht nur die Zuschauer haben sichtlich Spaß. Auch die Mannschaft ist euphorisch und lässt sich von ihren Fans feiern. Je größer der Rückhalt vom Spielfeldrand wird, umso kreativer zeigen sie sich auch beim Torjubel. Als ob sie es einstudiert hätten, sprinten sie nach einem verwandelten Elfer beispielsweise instinktiv an den Spielfeldrand und imitieren einen Ruderachter, der die Außenlinie abfährt oder sie lassen sich als Bowlingpins von einer vom Torschützen virtuell geworfenen Bowlingkugel zu Boden fallen. Spielertrainer und Motivator Max Brandner sieht zufrieden aus, auch ein Gegentor bringt ihn nicht aus der Fassung. Dann ist es vorbei, der erste Sieg ist eingefahren. Zum letzten Mal an diesem Morgen versucht der Schiri mit seiner schrillen Pfeife gegen das Fangetöse anzukommen. Abpfiff. Es steht unglaubliche 5:1. Die Spieler sind selig und so ihre Fans. Am Ende feiern alle gemeinsam diesen Sieg. Denn neben Fußball und Torjubel beherrschen sie auch den Part des Feierns ganz hervorragend - aktuell natürlich mit Abstand.

Dass man mit so viel Spaß solche Erfolge feiern und erfolgreich feiern kann, wäre das Beste sagt Gustav rückblickend auf die angefangene Saison "Mein Plan ist bis jetzt voll aufgegangen", so der 17-Jährige weiter. Das enge Verhältnis zwischen Fans und Spielern sowie die gänzliche Eigenverantwortung ohne Einmischung und Bevormundung von Erwachsenen sei das, was diese A-Jugend-Mannschaft so einzigartig und erfolgreich macht, ist sich der Mannschaftsgründer sicher. "Das war genau das, was ich mir im Chemieunterricht überlegt hatte", sagt er und versichert, dass seine Chemienote nicht unter diesem kleinen gedanklichen Ausflug gelitten habe.

Bei Instagram hat die Mannschaft in ihrem privaten Account bereits über 300 Follower, die regelmäßig mit Fotos und Videos bedient und bei Laune gehalten werden. Hier werden auch die anstehenden Spiele bekanntgegeben und bei den Fans um Unterstützung geworben. So kam es, dass sogar zum ersten Auswärtsspiel im strömenden Regen beim Eckernförder SV etwa 20 Fans mit angereist sind - deutlich mehr Zuschauer, als die Heimmannschaft vorzuweisen hatte. Das Ergebnis war ein eindeutiger Auswärtssieg mit 4:0 für Holtenau.

Was die Fans treibt beschreibt Paula Milla Urban. Die 18 Jährige sei eigentlich gar kein Fußball-Fan. "Es ist wie eine große Familie. Jeder kennt jeden. Man kommt nicht nur wegen ein zwei Leuten, sondern für die Stimmung die Mannschaft den Spaß hallt für jeden einzelnen. Das macht das das ganze so besonders", beschreibt sie auf die Frage was das ganze so sehenswert macht

Nach der ganzen Anfangseuphorie und der positiven Spielbilanz kam Anfang November nun der erste Dämpfer für die Mannschaft. Die Corona-Pandemie und die Einstellung des Ligaspielbetriebs samt Trainingsverbot hat die Jugendlichen wie so viele andere Sportler schwer getroffen. Aber Gustav Zitscher weiß, dass seine Jungs und die Fans am Ball bleiben werden: "Wir lassen uns nicht unterkriegen, werden den Lockddown aussitzen und dann wieder mit neuer Energie und genau so viel Euphorie dort weitermachen, wo wir aufgehört haben."

 
12 Kommentar(e)
  1. Sophie
    19. November 2020

    Eine der besten Reportagen auf dem ganzen Block, ich finde gerade die Geschichte der Mannschafft richtig gut und ihr habt das mega cool umgesetzt!!!
  2. rosar
    19. November 2020

    richtig wylde Reportage
  3. Merlin Müller
    19. November 2020

    WOW!!! Von der Sprache über den Inhalt einfach genial. Ich konnte mich vor Spanung kaum halten.
  4. Gustav
    21. November 2020

    Ein Hammer ARTIKEL!!! Es ist einfach nur schön zu lesen und auch die Geschichte ist sehr interessant. Dieser Beitrag wäre ein verdienter Sieger
  5. flipper
    21. November 2020

    Echt super gelungen!
  6. Anna Callies
    21. November 2020

    Starker Artikel ! Super geschrieben. Beschreibt den TUS Holtenau richtig gut.
  7. Max Brandtner
    21. November 2020

    Super Artikel! Freuen uns drauf, wenns weiter geht!
  8. Catha Kolberg
    21. November 2020

    Richtig toller Artikel! Inhalt stimmt und ist perfekt auf den Punkt gebracht und auch die sprachliche Verkörperung ist super!
  9. Peter Parkour
    21. November 2020

    Find ich ja super! Andere Jugendliche in dem Alter besaufen sich oder nehmen Drogen und diese athletischen Jungspunde gründen kurzerhand eine eigene Mannschaft :)
  10. DK7
    21. November 2020

    Ich bin stolz ein Teil dieser Mannschaft zu sein. Der Artikel spiegelt die Realität sehr gut wieder. Ein lyrisches Meisterstück!
  11. DK7
    21. November 2020

    Ich bin stolz ein Teil dieser Mannschaft zu sein. Der Artikel spiegelt die Realität sehr gut wieder. Ein lyrisches Meisterstück!
  12. anna
    22. November 2020

    Toller Artikel! Wir warten mit Vorfreude auf das nächste Spiel

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