Gefangen durch Gewöhnung

Lara Strothotte, 12e, RBZ am Königsweg 15. November 2020
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Laute Stimmen ziehen vorbei. Sie verkünden Wahrheiten und Tatsachen und Forderungen und Ratschläge. Jede ist lauter, besser, schneller als die letzte. Bunte Bilder blitzen auf. Personen sprechen dich an, schreien dir zu, was zu tun, zu kaufen, zu denken ist. Du blickst in die interessantesten Gesichter, siehst die schönsten Landschaften. Fragen von Bekannten und Fremden: Was sagst du? Was denkst du? Wo stehst du?
Du weißt es nicht? Kein Problem. Hier nicht. Hier warten hunderte, nein tausende Identifikationsmodelle und Vorbilder und Beispiele und maßgeschneiderte Meinungen. Unzählige Angebote und kostenlose Beratung. Alles ist frei, alles möglich, alles erlaubt. Die riesige, überbunte Welt ist stets da mit den größten Chancen; frei von jeder Art Risiko.
Und dann schalten wir das Handy aus. Doch nun ist keine Stille, keine Sekunde gnädiger Ruhe, kein einziger Moment Pause für den Kopf. Wie ein hartnäckiger Virus hat sich die digitale Welt längst in unseren Gedanken festgesetzt. Wortfetzen, wirre Melodien und schnelle Bilder klingen stundenlang nach. Wir möchten „mal öfter das Handy weglegen" doch keine Chance. Längst sind wir abhängig vom viralen Wahnsinn und gefangen in der ach so freien Welt des Internets. All die möglichen Identitäten berauben uns der eigenen und all die fremden Stimmen sorgen letztendlich für das Verstummen unserer. Die modernen Medien sind ein Raum voller bunter Lichter. Es sind Lichter, die aufblinken und blitzen und unsere Aufmerksamkeit erhalten, um uns mit Meldungen zu versorgen. Und Forderungen. Und Ratschlägen. Alle Menschen werden von den Lichtern angezogen wie Motten. Voller Verlangen und voller Erwartungen. Doch die Lichter sind Irrlichter, die die digitale Grenze trotzig missachten, fortwährend durch unsere Gedanken geistern und sich einen Platz suchen in der öden Gleichheit jedes Alltags, ihn sogar bisweilen selbst in der Monotonie gefangen halten. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, was die Menschen und Motten sich vom Licht genau erhoffen, aber wir zumindest sehnen uns, wider unserem Verhalten, ganz schrecklich doll nach Dunkelheit und nach Ruhe. Diese Sehnsucht ist von tiefgreifender Natur, wird uns unabdinglich heimsuchen, auch wenn sie bei einigen Menschen zeitweise Mittagsschlaf zu halten scheint. Doch der Mensch kann tausende Möglichkeiten nicht vertragen, fühlt sich verloren, all das Wissen, Wirken und Senden macht uns krank. Und doch tippen wir weiter. Blind, fast wie in Trance, wie ferngesteuert noch ein paar käuflichen Dingen nachtrauern, ein paar käuflichen Menschen auf Instagram folgen und schnell hinterlassen wir noch unsere Meinung zu etwas, das sich bei fremden Menschen, an einem fremden Ort ereignete, zeitgleich mit Millionen anderen Geschehnissen ereignete, aus unbedeutsamen Gründen. Dank des Internets sind wir über all solches zuverlässig informiert, finden bei jeder sogenannten Begriffsuche unzählige, unglaublich wichtige, originelle, interessante, erdachte und wahre Geschichten: doch bei der Frage, was das alles nun mit uns zu tun hat, liefert keine Suchmaschine ein zufriedenstellendes Ergebnis. Warum also tun wir uns das an? Nehmen all den Stress, den Ärger in Kauf? Opfern unsere kostbare, fliehende Zeit; wertvolle Energie? Für viele gibt es kein Entkommen aus dem lichtenden Raum, denn die Tür ist versperrt und das Schloss der Gewöhnung ist ein mächtiges. Der Medien Strategie ist, sich unauffällig in unseren Alltag einzuschleichen. Sie dringen zunächst ein, ohne zu drängen, erobern unter jedem beliebigen Vorwand Terrain, melden sich und binden uns so, zeigen Präsenz, fungieren als Merkzeichen ihrer selbst, trällern, surren in der Nähe und Ferne, bereiten den Boden für eine Gewohnheit, die sich unmerklich einnistet, fast heimlich, bis man sich eines Tages dabei ertappt, dass man das Surren vermisst, an das man sich gewöhnt hat, sich beinahe gekränkt fühlt- oder eine Spur hilflos-, und notgedrungen greift man zum Handy, erfindet aus dem Stehgreif einen Vorwand und überrascht sich dabei, dass man nun selbst eine Meldung in die Welt setzt. Um die wahrheitsliebende und daher höchst gefährliche, nahezu aggressive Stille zu füllen oder in Erwartung, dass man so etwas findet, das etwas Ersehntes ersetzen könnte, etwas plötzlich positiv verändert, das eigene Dasein plötzlich reicher macht. Bestätigung durch Fremde, Ansehen und Kontrolle über das eigene Wirken können äußere Beweggründe sein. Wenn man lange Zeit etwas begehrt, fällt es äußerst schwer, es nicht mehr zu begehren, ich meine, zuzugeben oder zu merken, dass man es nicht mehr begehrt oder etwas anderes vorzieht. Das Warten nährt und steigert das Begehren, staut das Erwartete an, festigt und versteinert es, und wir wollen uns nicht eingestehen, dass wir Jahre vor dem Bildschirm vergeudet haben, auf ein Zeichen zu warten, das uns dann, wenn es sich endlich einstellt, nicht mehr verlockt oder keine Lust mehr macht, seinem späten Ruf zu folgen, dem wir nun misstrauen, vielleicht, weil wir lieber bleiben, wo wir sind. Digitales und reales Ich tun häufig gut daran, getrennt zu bleiben; sich gelegentlich auch zu widersprechen. Man gewöhnt sich daran, in Erwartung einer Gelegenheit zu leben, die nicht kommt, quasi in aller Seelenruhe, quasi ohne zu glauben, dass sie je eintreten wird. Schade nur, dass zugleich niemand ganz auf die Gelegenheit verzichten kann, dieser Juckreiz hält uns wach, hindert uns daran, in den Schlaf abzutauchen. All die Apps und Funktionen sind ein falscher Freund, der uns nachdem er ernsthaftes Interesse vorgetäuscht hat, nicht mehr gehen lässt. Als würde er spüren, dass er sich durch das unveränderte Fortschreiten der Monate und Jahre, allein durch die sich anhäufende Zeit Rechte erworben hat, als könnte man so etwas Belangloses wie die Aufeinanderfolge der Tage dem als Verdienst anrechnen, der sie erlebt, oder vielleicht dem, der ausharrt, ohne abzulassen oder aufzugeben. Alles je Erlebte wird gespeichert: Fotos, Videos, Audios, selbst Chatverläufe scheinen lebenswichtig. Wir wollen die Zeit anhalten, wir wollen sie daran hindern weiterzufließen, damit es ihr nicht gelingen mag, uns alle Erinnerungen zu entfremden, wie das jede Sekunde mit allem tut, was vor ihr geschehen ist und doch; immer wenn wir Zeit mit unserer angewöhnten Bekanntschaft, unserem vermeintlich unverzichtbaren Freund verbringen, also ständig, haben wir Angst etwas sehr Wichtiges zu verpassen. Diese verzehrende Angst begleitet uns immer enger, entkräftet das Vertrauen in das Leben, wie es nun mal kommt und ist, und raubt unsere Achtsamkeit im Augenblick. Alles Erleben wird aus dem Dunkel von ihr eingefärbt und vollkommene Zufriedenheit wird verschlungen und verzehrt. Und eigentlich sind wir doch auf dem allerneuesten Stand und eigentlich wissen wir, dass unsere Angst nicht dem Verpassen des letzten Postings gilt, sondern unseres eigenen Lebens. Wir unterscheiden uns von unserer technischen Vollzeit-Hilfskraft in dem Punkt, dass wir nun mal keine Maschinen sind und als ursprünglich selbst aktive, lebendige Wesen, echte Erfahrungen machen müssen, denn ansonsten verlieren wir die Verbindung zu uns selbst. Übrigens gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass sich Motten an den Himmelskörpern der Nacht, also an den Sternen und vor allem dem Mond orientieren und daher auf ihrer Suche nach dem richtigen Weg , bevor sie an ihrer Verwechslung verenden, immer und immer wieder gegen das falsche Ziel prallen, wie zum Beispiel eine Schlafzimmerlampe, die nachts noch brennt, da jemand, wie wir alle, ähnlich orientierungslos noch auf seine technischen Geräte blicken möchte, die auch nach ewigem, nächtlichem Suchen nichts finden, nichts von Bedeutung und ihre Nutzer zurücklassen. Allein.

 
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