Gleichberechtigung - Kieler Theater macht es möglich

Liza Peters, Klasse 8a, Ricarda Huch Schule Kiel 19. November 2020
© Copyright Armin Smailovic
Du möchtest diesen Beitrag bewerten? Dann kannst du hier bis zu drei Sterne vergeben.

Theater in Kiel macht es möglich
Gleichberechtigung und Theater – passt das zusammen?

Kiel/ Hamburg
„Bewerberinnen bitten wir, auf der Bühne Kleid oder Rock sowie Schuhe mit halbhohem Absatz zu tragen; Hosen, Stiefel oder Turnschuhe nur, wenn es die Rolle verlangt", heißt es noch 2015 in den Aufnahmebedingungen für die Schauspielprüfung an der Schauspielschule in Leipzig. Nach ähnlichen Anweisungen für die männlichen Bewerber sucht man vergebens.
Inzwischen wurde dieser Satz von der Internetseite der Schauspielschule gestrichen. Aber ist dies eine grundsätzliche Einstellung, der sich Schauspielerinnen im Berufsalltag stellen müssen? Gehören dazu auch ungerechte Bezahlung, das Rollenverständnis und ihre Besetzung in Führungspositionen und wird Rücksicht auf Familienleben und Kinder genommen?
Tatsächlich ist das Theater kein familienfreundlicher Betrieb. Karin Neuhäuser, festes Ensemblemitglied am Thalia-Theater in Hamburg beschreibt ihren Berufsalltag so: „Ein normaler Tag sieht ungefähr so aus: 10 bis 15 Uhr Proben, 19 bis 22 Uhr Proben oder Vorstellung, wobei eine Vorstellung auch mal bis 24 Uhr dauert, zum Beispiel „Das achte Leben". Allerdings ist man nicht immer bei jeder Probe dabei, so dass nicht jeder Tag so voll sein muss. Und dann gibt es auch Phasen, in denen man „nur" Vorstellungen spielt und sich ansonsten auf die nächste Produktion vorbereitet. Auch variieren die Probezeiten je nach Regisseur*innen." Auf die Frage, ob ein Theater ein familienfreundliches Unternehmen ist, antwortet Karin Neuhäuser sehr bestimmt mit „Nein!".

„Familie, Kinderkriegen und Privatleben waren die drei Feindbilder des Theaters", bemerkt dazu Daniel Karasek, Generalintendant des Theaters Kiel und „Wer Beruf und Familie verbinden will, der geht nicht unbedingt ans Theater." Kommt es auch daher, dass die meisten Männern geleitet werden? Dies bestätigt eine Studie, die im Sommer 2015 Kulturstaatsministerin Monika Grütters beim Deutschen Kulturrat in Auftrag gegeben hatte und die den Zeitraum von 1994/95 bis 2014/15 untersucht. Der Frauenanteil in den jeweiligen Positionen wird dort wie folgt ausgewiesen: Intendanz 22 Prozent, Regie 30 Prozent, Autorenschaft 24 Prozent, Dramaturgie 48 Prozent, Regieassistenz 51 Prozent, Soufflage 80 Prozent.
Das Ergebnis ist eindeutig: In leitenden und künstlerischen Theaterberufen sind Frauen unterrepräsentiert und in zuarbeitenden Theaterberufen sind sie ähnlich stark oder zahlreicher vertreten.

Diese Strukturen können vor und hinter der Bühne zu Machtmissbrauch gegenüber Frauen führen. Daniel Karasek hat damit seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht, während der Schwangerschaft seiner damaligen Frau in den Achtzigerjahren: „Der Intendant des Theaters, an dem meine Frau engagiert war, hat mit allen Mitteln versucht, sie herauszubefördern, und dies auch geschafft. Dieser Vorgang war damals nicht nur existentiell, sondern auch prägend für mich." Auch Karin Neuhäuser hatte im Laufe ihrer Karriere ähnliche Erlebnisse, wenn auch aus einer anderen Perspektive: „Es gab immer wieder mal Regisseure, keine -*innen, die es nicht lassen konnten, ihre Machtposition auszuspielen. Und in einem sensiblen Prozess, wie eine Probe es sein kann, kann das sehr demütigend sein."

Auch bei der Bezahlung gibt es Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen - die Gleichberechtigung ist hier noch nicht angekommen. Dies bestätigt auch Karin Neuhäuser: „Da gibt es teilweise große Unterschiede."

Dazu kommt, dass es „in der Dramenliteratur nach wie vor mehr männliche als weibliche Rollen gibt", sagt Daniel Karasek. Als Karin Neuhäuser 2017 vom Theatermagazin Deutsche Bühne gefragt wurde, ob sie einen Mangel an Frauenrollen in der Theaterliteratur sehe, antwortete sie noch konkreter als der Kieler Intendant: „Es geht nicht darum, wie ich das sehe, das ist ein Fakt. Und je älter man wird, umso dünner wird das Angebot in der Literatur. Das wird schon ab etwa 40 knapp, und ich bin noch älter. Überspitzt ausgedrückt gibt es für mein Alter noch zweieinhalb Königinnen bei Shakespeare und das war's dann. Bei zeitgenössischen Stücken kommt da, soweit ich das sehe, auch nicht viel nach für eine 62-jährige Frau."

Außerdem wird bei Frauen auch in diesem Beruf grundsätzlich mehr auf Äußeres geachtet, besonders wenn die Schauspielerinnen älter werden. „Dazu nur mal eine Beobachtung: Wie viele extrem zerknautschte Männergesichter sieht man im TV oder Kino und wie viele Frauen in dem Alter? Das Gefälle ist eklatant!", ärgert sich Thalia-Darstellerin Karin Neuhäuser. Daraus ergibt sich in der Regel an den deutschen Theatern eine Ensembleaufteilung von zwei Drittel Männern und einem Drittel Frauen. Müsste sich daran aber nicht heutzutage etwas geändert haben?

Und tatsächlich: Im Zuge des Skandals um Harvey Weinstein und der #MeToo- Debatte wurden einige Untersuchungen zu diesem Thema in Auftrag gegeben. Außerdem haben sich in Deutschland mehrere Initiativen gegründet, die sich für die Abschaffung der genannten Missstände einsetzen, zum Beispiel der Verein Pro Quote Bühne, das ensemble-netzwerk und das Netzwerk Theater.Frauen.

Aber auch auf der Bühne verändert sich etwas. So werden schon seit einigen Jahren die traditionellen Rollenbilder aufgebrochen und vermischt. Karin Neuhäuser ist oft in Männerrollen am Thalia-Theater in Hamburg zu sehen: Sie spielte Harro Hassenreuther in "Die Ratten", Polonius in "Hamlet" und den Commendatore in "Don Giovanni. Letzte Party".
Auf die Frage an Karin Neuhäuser, wie sie die Proben zu den Ratten und ihre Rolle des Theaterleiters empfunden hat, der Ähnlichkeiten zum derzeitige Intendanten des Thalia - Joachim Lux - aufwies: „ Naja, ich habe nicht wirklich Joachim Lux gespielt, ich habe mir ein paar Gesten von ihm geklaut und seine Glatze, das war's aber auch schon. ... Und es galt natürlich, eine „männliche" Haltung zu finden, den Duktus eines Machtmenschen. Das gibt ja das Stück vor. Und: Ja, es hat Spaß gemacht!" Darüber hinaus erzählt sie: „Ich spiele im Übrigen sehr gerne Männer unterschiedlichster Art, zuletzt eben den verklemmten Opportunisten Polonius, der ja zum Beispiel eine komplett andere Körpersprache haben musste. Und ich versuche, bei der Entwicklung einer Männerrolle sehr präzise zu sein, eben weil ich kein Mann bin."

Auch am Theater Kiel wird Mephisto in "Faust" von einer Frau gespielt und bei "Homo Faber" spielt eine Schauspielerin gleich mehrere Männerrollen. Aber nicht nur Frauen- und Männerrollen werden getauscht, sondern es wird auch nicht mehr nur altersspezifisch besetzt. Karin Neuhäuser spielt genauso wie ihre Kollegin Barbara Nüsse in der Produktion „Das achte Leben" die Lebensstationen einer Frau von 18 bis 80 Jahren.

Und hinter der Bühne? Bedingt durch die persönlichen Erfahrungen von Daniel Karasek sind Kinder im Schauspielhaus Kiel herzlich willkommen. So sind zum Beispiel alle Schauspielerinnen nach ihrer Schwangerschaft beziehungsweise Elternzeit in das Ensemble zurückgekehrt. Auch weil sich Familie und Beruf gut vereinbaren lassen.
Denn dort hat man ein Programm auf den Weg gebracht, das den Theaterberuf familienfreundlicher gestalten soll. Dazu gehören Probenpläne mit Rücksicht auf Kitazeiten, der probenfreie Samstag, höhere Einstiegsgagen und die gleiche Bezahlung für Männer und Frauen. „Ich kann definitiv sagen, dass die Motivation eigentlich um ein Vielfaches gesteigert wird damit. Man muss ja wissen: Wir sind ein Ensemble der mittleren Stärke und spielen wirklich ein riesiges Repertoire. Und das heißt, jeder Schauspieler ist eigentlich so gut wie jedes Wochenende in irgendeiner Weise beschäftigt. Karasek ergänzt: „Das heißt, dieser Samstag ist ein irrsinniger Gewinn. Man hat einfach Schauspieler, die am Montag besser gelaunt zur Probe kommen. Darüber hinaus haben wir seit 10 Jahren ein paritätisches Ensemble und es gibt genauso viel männliche wie weibliche Regisseure."

Für Schauspielerin Karin Neuhäuser wäre eine Frauenquote eine Lösung und sie hat dazu einen sehr eindeutigen Standpunkt: „Wir brauchen die Quote, sonst ändert sich nichts. Ich fände es spannend, wenn man überall mal 50 zu 50 ausprobieren würde. Es ist einfach so, dass weltweit unverhältnismäßig viele sehr schlicht gestrickte Männer in hohen Positionen sitzen."

Auf seine Zukunftsvision für das Theater angesprochen, wünscht sich Karasek einen klaren Wandel: „Ich weiß, dass sehr viele Theater in Deutschland noch immer das Gegenteil von uns praktizieren und ich wünsche mir, dass das endlich aufhört. Weil ich einfach nur sagen kann, dass alle an einem familienfreundlichen Theater wesentlich motivierter sind. Es sollte in keinen Bereichen am Theater Unterschiede zwischen Männern und Frauen geben: die Begabung ist ausschlaggebend." Und Karin Neuhäuser stellt fest: „Mittlerweile hatte ich es allerdings immer öfter mit Regie-Männern zu tun, die dieses Machtgetue nicht nötig haben. Nicht alle, leider... Und es gibt ja auch zunehmend Frauen in diesem Beruf und sogar in Führungspositionen. Ja, es scheint sich langsam was zu ändern. Mit der Betonung auf langsam, leider...".

Immerhin: die nächste Intendanz am Deutschen Theater in Berlin übernimmt eine Frau!

 
Dieser Eintrag hat bisher keine Kommentare

Kommentar schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert