Von Kiel zum Mars

Linus Moosig, Ricarda-Huch-Schule, Kiel 18. November 2020 1 Kommentar(e)
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Von Kiel zum Mars

Wie die Kieler Universität hift, den Mars zu erforschen

Eine Minute steht noch auf der Uhr. Angespannt sitzen Männer und Frauen vor ihren Tischen und starren auf die Bildschirme, die sich darauf befinden. Sie alle zeigen einen Platz, mehrere Kilometer entfernt. Eine laute Stimme ertönt: Zehn - Neun - Acht -, bis sie schließlich bei Eins angekommen ist. Alle sind still. „Null", sagt die Stimme. Ein ohrenbetäubender Lärm erklingt und grauer Rauch breitet sich rasant von der Mitte des Platzes aus. Aus dem Zentrum des Tumults schießt ein Objekt mit atemberaubender Geschwindigkeit empor. Hinter sich hat es einen gelben Feuerschweif. Es verschwindet hinter den Wolken und nur noch der Schweif aus Feuer und Rauch ist zusehen. Jubel brandet auf. Der Raketenstart ist geglückt.

Das Ziel der Rakete, die am 26. November 2011 im Rahmen der Mission „Mars Science Laboratory" startete, war es, den Rover Curiosity auf dem Mars abzusetzen. Er ist der sechste Rover, der erfolgreich gestartet wurde, und mehr als doppelt so groß wie sein Vorgänger von 2004, das heißt ungefähr so groß wie ein Kleinwagen. Mit dabei sind zehn extra angefertigte Instrumente, um den Boden, die Atmosphäre und Strahlungen zu untersuchen. Eines davon ist der Radiation Assessment Detector, kurz RAD, welcher von der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU) in Zusammenarbeit mit dem Southwest Research Institute in Texas (USA) und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entwickelt und gebaut wurde. „Das ist eine lange Geschichte ...", fängt Prof. Wimmer-Schweingruber (CAU Kiel), maßgeblich am Projekt RAD beteiligt, an zu erzählen. Er erklärt, wie die CAU 2003 über einen ehemaligen Doktoranden in Amerika darauf aufmerksam wurde, dass die NASA ein Strahlenmessgerät für ihre Marsmission benötigt. Daraufhin wurde das Konzept für RAD entwickelt. RAD dient dazu, kosmische Strahlen auf dem Mars zu messen, um so den Weg für Astronauten zu ebnen, da diese nun wissen, auf welche Strahlendosis sie sich einstellen müssen. Aber es ist nicht nur auf dem Zielplaneten aktiv.

Schwarze Leere. Alles ist still. Ein glühendes Teil fällt von der Rakete ab. Das war der erste Treibstofftank. Weitere Teile fallen ab, bis nur noch die Hauptstufe, der Kern der Rakete, übrig ist. Schließlich erlischt auch hier der Feuerschweif, der Tank ist leer. Die weiße Verkleidung platzt auf und vom oberen Ende der Rakete löst sich eine Kapsel. Sie ist kegelförmig, weiß und hat einen hellbraunen Hitzeschild an der Unterseite. Die gesamte Oberseite ist mit Solarplatten ausgestattet. Der Rest der Rakete schwebt wie ein Wrack in der endlosen Weite. Im Inneren der Kapsel wartet der Rover auf die Landung, die noch rund siebeneinhalb Monate auf sich warten lässt. Doch manche Teile sind schon aktiv, wie zum Beispiel der RAD.

„Es ist wie eine Wetterstation, eine für den Weltraum", erklärt Prof. Wimmer-Schweingruber. Es ist eine besondere Wetterstation, da im Weltall andere Wetterphänomene auftreten als auf der Erde. RAD wurde direkt nach dem Start aktiviert, um die Strahlendosis auf dem Weg zum Mars zu messen. Obwohl es geplant war, das Gerät aufgrund des Stromverbrauches, der eigentlich gar nicht so groß ist (4,5 Watt), nur höchstens sechzehn Minuten pro Stunde zu betreiben, wurde es beziehungsweise wird es aufgrund mehr vorhandenen Stroms fast durchgehend betrieben. „Es war eine große Schwierigkeit, mit dem von der NASA erlaubten Stromverbrauch klar- zukommen", sagt Prof. Wimmer-Schweingruber: „Ein weiteres Problem war es, das Gerät wetterfest zu machen. Das heißt, dass es eine Temperaturspanne von minus sechzig Grad bis plus sechzig Grad aushalten muss, da diese Temperaturen auf dem Mars herrschen." Um all diese Schwierigkeiten zu überwinden, für die Entwicklung, den Bau und für Wissenschaftler, die die Messdaten auswerten flossen bereits 1,5 Millionen Euro in das Projekt.

Die Kapsel stürzt auf den Boden zu. Der Hitzeschild der Kapsel löst sich und die Unterseite des Rovers wird sichtbar. Plötzlich schießt eine Art Seil aus dem oberen Teil der Kapsel und mit einem lauten Zischen öffnet sich ein riesiger orange-weißer Fallschirm. Er bremst den Sturz der Kapsel rapide ab, die immer noch mit Überschallgeschwindigkeit gen Boden rast. Der Rover fällt aus der Kapsel. An ihm befestigt ist ein großes metallenes Gestell, was schnell seine acht Düsen zündet, um den Fall des Rovers noch mehr zu verlangsamen. Sanft sinkt das Gestell wie ein Helikopter. Nur noch ungefähr acht Meter über dem Boden wird Curiosity an drei langen Seilen heruntergelassen, bis er festen Boden unter den Rädern hat. Als er den Grund berührt, werden alle Seile gekappt und das Gestell fliegt alleine davon, bis es hinter den Hügeln verschwindet. Die Kamera des Roves dreht sich langsam. Er steht inmitten einer roten Wüste mit Geröll und Steinen. Die Kamera dreht sich weiter. Am Horizont steht die Sonne, die ganz langsam beginnt, hinter den großen roten Hügeln des Mars unterzugehen.

Nach der Landung im sogenannten Gale Krater probierte Curiosity als erstes seine zahlreichen Instrumente aus und schickte erste Daten und Bilder zurück zur Erde. Unter anderem sandte er auch erste Messdaten des RAD vom Mars, welche die Forscher der CAU über ihre amerikanischen Kollegen zur Auswertung zugeschickt bekamen. Seither wurden Terabytes Daten analysiert. In seinen neun Jahren auf dem Mars hat der Rover insgesamt schon eine Strecke von 23.2 Kilometern bewältigt und sich bestimmt schon mehrere Dellen zugelegt. Er hat viele erstaunliche Erkenntnisse erlangt. Zum Beispiel fand er mehrere Indizien dafür, dass früher Wasser auf dem Mars floss. RAD wiederum konnte zeigen, dass die Strahlenbelastung einer Mission zum Mars und zurück für Astronauten etwas höher liegt, als es die strengen Grenzwerte der NASA heute zulassen. "Trotzdem", meint Prof. Wimmer-Schweingruber, „wird es sicherlich Freiwillige geben, die sich den Strapazen einer solchen Mission aussetzen würden, wenn sich die Menschheit dazu entschließt." Doch trotz seiner langen Zeit auf dem staubigen Planeten funktioniert Curiosity noch so gut wie am ersten Tag, auch wenn seine Mission für nur rund zwei Jahre geplant war.

Die Sonne scheint warm vom Himmel und aufgrund der fehlenden Wolkenschicht direkt auf den Rover. Vorsichtig fährt Curiosity über den Sand. Er bleibt hier und da stehen und macht Fotos von Steinen und Felsformationen. Alles in einem wirkt er sehr einsam in der großen staubigen Ebene. Aber das wird nicht lange so bleiben, denn sein Nachfolger "Perseverance" ist schon auf dem Weg und auch wenn beide sich niemals sehen werden, arbeiten sie an gemeinsamen Zielen. Daran, dass wir den Mars und das Universum besser verstehen, und daran, dass vielleicht irgendwann ein Mensch seine Füße auf den Sand des roten Planeten setzen kann.

 
1 Kommentar(e)
  1. Peter Walter
    24. November 2020

    Ich finde deine Reportage gelungen

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