Wespen, die verkannten Insekten

Enno Braker, Klasse 8a, Ricarda Huch Schule Kiel 18. November 2020 2 Kommentar(e)
© Carsten Pusch, NABU
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Es ist Frühling. Die Tage werden wieder länger und alle zieht es in die Gärten. Deshalb möchte auch der zweifache Familienvater Klaus F. seine über den Winter im Gartenschuppen eingelagerten Gartenmöbel nach draußen stellen. Nachdem er die ersten zwei Stühle auf ein sonniges Plätzchen geräumt hat, nimmt er ein geschäftiges Brummen in der Luft wahr. Als er genau hinsieht, bemerkt er, wie in regelmäßigen Abständen mehrere Wespen aus einer schmalen Ritze am Giebel herausfliegen. Anfangs stört es ihn nur mäßig, aber mit der Zeit werden es immer mehr. Aus Angst um seine kleinen Kinder klebt er die Ritze ohne nachzudenken mit Panzertape zu. Sowohl die Tiere als auch er haben Glück, denn es gibt noch eine weitere Öffnung, durch die die Wespen zu ihrem Nest gelangen können.

„Zu diesem Zeitpunkt", sagt Klaus F., „wusste ich noch nicht, dass Wespen wie jedes Wildtier in Deutschland unter Naturschutz stehen." Daher drohen in Schleswig-Holstein Strafen in Höhe von 5.000 Euro, wenn man Wespennester ohne Genehmigung entfernt, und bis zu 50.000 Euro, wenn man beispielsweise ein Nest der unter besonderem Schutz stehenden Hornisse mutwillig zerstört. Auch für das Töten eines einzelnen Tieres wird diese Strafe bereits fällig. Im Gegensatz zu Bienen und Hummeln gelten Wespen als störend und lästig, da sie ihre Nester oft an den - für uns Menschen - ungünstigsten Orten bauen und uns beim Essen im Freien stören.

Der natürliche Lebensraum der Wespen sind Höhlen in Totholz oder der Erde, als Kulturfolger besiedeln sie aber auch Spalten an Häusern. Allerdings stehen diese Lebensräume immer weniger zur Verfügung, da tote Bäume aus Sicherheitsgründen entfernt, Wege asphaltiert, Löcher zugeschüttet und die meisten Häuser energetisch isoliert werden. Deshalb gilt es, Wege zu finden, sich mit diesen nützlichen Insekten gut zu arrangieren und sogar ihren Schutz zu fördern. Da Wespen normalerweise von sich aus nicht aggressiv sind, kann das gut gelingen, wenn man einige Verhaltensweisen beachtet.

Daran hat sich auch Klaus F. gehalten: „Wir haben natürlich nicht gegen das Nest geklopft und uns vor allem in seiner Nähe ruhig verhalten." Hektische Bewegungen, um die Tiere zu vertreiben, bewirken eher das Gegenteil. Kohlendioxid in der Atemluft, wenn man sie anpustet, oder auch der starke Geruch mancher Parfüms versetzen sie in Panik und machen sie aggressiv. Wenn sie zu sehr gereizt werden, stechen sie. Als Räuber benutzen sie ihren Stachel nicht nur zur Verteidigung, sondern auch als Jagdwaffe, mit der sie ihre Beute erlegen. Um ihn mehrmals einsetzen zu können, besitzt er im Gegensatz zum Stachel der Bienen keinen Widerhaken. So gelangt bei einem Wespenstich weniger Gift in die Wunde, die deshalb auch weniger stark schmerzt. Gefährlich wird ein Wespenstich, wenn man in Hals oder Rachen gestochen wird oder man allergisch auf einen solchen Stich reagiert.

Wenn man Bedenken wegen eines Wespennestes in der Umgebung hat, kann man sich an eine Wespenberatungsstelle wie die der Umweltberatung des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) in Lütjenburg wenden. Vor Ort wird dann entschieden, ob ein Nest bleiben kann. Meist ist das der Fall, aber notfalls kann es umgesiedelt werden oder es muss, falls das nicht möglich ist, fachkundig entfernt werden.

Bei Herrn F. helfen die Tiere sich schließlich selbst und finden einen neuen Zugang zu ihrem Nest. Trotzdem gewöhnen sie sich nur schwer an diese dramatische Veränderung, da sie ein ausgeprägtes Langzeitgedächtnis besitzen. „Obwohl ich die Ritze zugeklebt habe, sind die Wespen über Tage hinweg immer wieder dorthin zurückgekehrt, bis sie die neue Öffnung angenommen haben", berichtet Klaus F. Und dennoch, auch wenn die Wespen von nun an nicht mehr in seinem Gartenschuppen herumfliegen, stören sie den Gartenbesitzer und seine Familie. Dass die Insekten gelegentlich einen kleinen Zwischenstopp auf dem Kuchen oder der Limonade machen, wundert sie nicht mehr. Umso erstaunter sind alle aber, als sie an einem lauen Sommerabend ihren Grill anwerfen und sich die Tiere nicht mehr für die süßen Getränke der Kinder interessieren, sondern für das gegrillte Fleisch. Mit vor Staunen offenem Mund verfolgen sie, wie eine Wespe mit ihren kräftigen Beißwerkzeugen ein fast zwei Millimeter großes Stück aus dem Fleisch heraussäbelt und von dannen fliegt.

Diesen Konflikt kennt auch Julia Steigleder, Wespenexpertin und Leiterin der NABU Umweltberatung in Lütjenburg. „An den Grilltisch kommen Wespen von Ende Juli bis Anfang September, da sie in dieser Zeit ihre Larven mit Proteinen füttern müssen und dafür neben Insekten, ihrer eigentlichen Nahrungsquelle, auch gern ein Stückchen Fleisch mitnehmen. Um sich selbst im Früh- und Spätsommer mit Kohlenhydraten zu versorgen, halten sie nach Blüten Ausschau und machen dann auch gern am Kaffeetisch auf der Terrasse halt." Sie erzählt weiter, dass in Schleswig-Holstein häufig die Sächsische und die Mittlere Wespe vorkämen. Wegen ihrer Aggressivität sind auch die Gemeine und die Deutsche Wespe bekannt, die beiden häufigsten Arten in Deutschland. Aber auch die Hornisse sieht man mittlerweile wieder öfter, da sie die größte heimische Wespe ist.

Im Gegensatz zur der weit verbreiteten Einstellung, Wespen seien einfach nur lästig, unterstreicht Steigleder, wie außerordentlich nützlich diese Insekten für uns Menschen und für die Umwelt sind. So kann ein Staat pro Tag bis zu zwei Kilogramm Insekten, wie Mücken oder Fliegen, erlegen. Dann berichtet sie, dass in ihrem eigenen Garten Wespen die Kohlpflanzen innerhalb von wenigen Tagen von den Raupen des Kohlweißlings befreit haben. Außerdem bestäuben sie Blüten, allerdings nicht so effektiv, da sie keinen Pelz wie Bienen und Hummeln haben.

All das weiß inzwischen auch Klaus F., den Steigleder wegen des Wespennests in seinem Schuppen beraten hat. Ab jetzt möchte er sogar aktiv zum Schutz der Insekten beitragen. Jetzt im Herbst wird er das Gartenhaus von innen abdichten, damit die Wespen im nächsten Frühjahr kein neues Nest bauen. Falls doch, wird er sie am liebsten dort lassen, wo sie sind, oder auch einen Nistkasten für die Tiere aufhängen. Er hat sich auch vorgenommen, insektenfreundliche Blumen zu pflanzen und im Garten eine kleine sonnige Fläche unbewirtschaftet zu lassen, damit sie ihre Nester in Erdhöhlen bauen können.

 

 
2 Kommentar(e)
  1. Nancy Smith
    24. November 2020

    Ein sehr schöner Artikel. Informativ, gut geschrieben und interessant. Ich habe viel gelernt!
  2. marlänä
    24. November 2020

    FRESH!!! :)

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