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Flucht und Vertreibung

Nele Petersen, 8b, Ricarda-Huch-Schule 21. November 2022 4 Kommentar(e)
Sowjetunion, Pillau.- Flüchtlinge mit Gepäck auf Schlitten, Februar 1945 © Quelle: BArch, Bild 146-1972-092-11

Verzweifelte Menschen, die ihre Besitztümer auf Wagen laden, im Hintergrund das Grollen der näher rückenden Front. Können Sie sich vorstellen, ihr Zuhause von Heute auf Morgen verlassen zu müssen? Genau das war Realität für viele der etwa 12 bis 14 Millionen Deutschen und deutschstämmigen Angehörigen verschiedener Staaten zwischen 1944/45 und 1950. Allein 2 Millionen davon waren aus Ostpreußen.

Eine von ihnen ist Rosemarie Petersen. Die heute 86-Jährige musste im Juli 1944 aus Lyck - polnisch Ełk - in Ostpreußen fliehen. Damals war sie gerade einmal 8 Jahre alt.

Bevor Rosemarie Petersen Lyck verlassen musste, wohnte sie mit ihren Eltern, ihrer Großmutter und ihren 4 Geschwistern in einem Einfamilienhaus mit großem Garten direkt an einem See.

"Den Krieg habe ich vorher schon mitbekommen. Wir mussten vorsichtig sein und mein Vater ist dann eingezogen worden und meine Mutter war mit meiner Großmutter und uns alleine in dem Haus. Es war bedrohlich und man hat versucht im Juli alle Familien mit Kindern aus diesem Gebiet [...] herauszubekommen."

Im Juli musste Petersens Großmutter alleine mit ihr und ihren drei Geschwistern von Lyck nach Mohrungen in Westpreußen aufbrechen, da ihre Mutter zu dieser Zeit mit ihrem neugeborenen Bruder im Krankenhaus in Braunsberg (auch Ostpreußen) war. Die Familie war mit wenig Handgepäck in mit Stroh ausgelegten Waggons unterwegs. In Mohrungen warteten sie auf ihre Mutter und ihren Bruder. Kurze Zeit später ist Rosemarie Petersen mit ihrer Familie von Mohrungen nach Miltzow im heutigen Landkreis Vorpommern-Rügen eingetroffen. Auch dorthin sind sie wieder mit den Waggons gebracht worden.

In Miltzow wartete ein Bauer mit einem Leiterwagen auf sie, der die Familie auf sein Gut in Stahlbrode brachte. Dort konnten sie erst einmal bleiben.

Zur Schule gegangen sind die Kinder bis 1948 in Stahlbrode, wo alle Klassenstufen in einem Raum von einem einzigen Lehrer unterrichtet wurden. Danach sind sie jeden Tag drei Kilometer zur Schule in Reinberg gelaufen, wo es zum Glück mehrere Räume und Lehrer gab. Ihr Abitur machte Rosemarie Petersen 1958 in Grimmen. Wie die Stahlbroder die Geflüchteten aufgenommen haben, weiß Petersen noch gut: "In dem Ort, das war ein Fischerort, war ein Kolonialgeschäft, das heißt ein Lebensmittelgeschäft, und dieses Lebensmittelgeschäft wurde dann geschlossen. Der Inhaber hat nur an seine Leute, an die Fischer, die Lebensmittel verkauft, sodass wir gar nichts mehr bekommen konnten. Und wir waren ja fünf Kinder, meine Mutter, und meine Oma und wir mussten ja auch leben."

Viele der in den Westen geflohen Menschen hatten mit Ablehnung, Verachtung und auch Gewalt zu kämpfen. Sie galten als „Dreckszeug aus dem Osten", mit denen man das Wenige, was man selbst hat, auf keinen Fall teilen möchte. Mancherorts hieß es, die drei großen Übel der Zeit seien „die Wildschweine, die Kartoffelkäfer und die Flüchtlinge". Im April 1948 schrieb die Rhein-Neckar-Zeitung: "Die Flüchtlinge sind grundsätzlich schmutzig. Sie sind grundsätzlich primitiv, ja sind sogar grundsätzlich unehrlich. Dass sie faul sind, versteht sich am Rande. ... Und einen Dank für das, was man ihnen tut, kennen sie nicht. Das ist es, was man in 90 von 100 Unterhaltungen über Flüchtlinge zu hören bekommt."

An diesem Beispiel aus einem Beitrag von Margot Litten für den Deutschlandfunk wird deutlich, wie schwer es eigentlich für die Menschen aus dem Osten war, Fuß zu fassen.

Petersen und ihre Familie musste aufgrund der angespannten Lage zwischenzeitlich von Stahlbrode mit einem deutschen Sanitätsschiff auf die Insel Rügen übersetzen, wo sie in einer Halle mit vielen anderen Familien untergebracht waren. Dort hat die Familie auch eine unangenehme Begegnung erlebt.

"Auf der Insel Rügen haben wir praktisch erlebt, wie der Russe eingezogen ist. Er ist gekommen und hat also praktisch die Häuser geöffnet, kam rein und so weiter und wir haben uns damals mit weißen Flaggen, da haben wir was vom Bettlaken abgerissen, ergeben, sodass er wusste, wir machen nichts. Wir sind damit, naja, nicht einverstanden. Aber wir wollten nicht, dass er uns was tut. Die haben alles kontrolliert, wir waren da in einem großen Raum untergebracht, auch wieder mehrere Leute, und der Russe kam und hat kontrolliert. Er hat den Frauen die Ringe weggenommen, die Uhren weggenommen und alles, was er so brauchen konnte, mitgenommen. Wir hatten dann auch ein paar Bilder, die wir von zuhause noch mitgenommen hatten, und die haben sie uns auch abgenommen. Ich bin dann später hinterher und habe die aufgesammelt."

Nach einer Weile ist die Familie wieder nach Stahlbrode zurückgekehrt, da sie auf Rügen keine Wohnung hatte und auch kein Gepäck mitgenommen hatte.

Doch auf dem Gut konnte die Familie nicht mehr wohnen, denn der Gutsbesitzer hat aus Angst sich und seine Familie getötet. Außerdem hatten die Bewohner von Stahlbrode, in ihrer Abwesenheit, die Kleidung von Petersen und ihrer Familie gestohlen. Zum Glück bekamen sie im Ort eine Wohnung, wo sie dann zu siebt in einem Zimmer gewohnt haben.

Petersens Vater, der in der englischen Kriegsgefangenschaft war, stieß 1947 zur Familie, die noch bis 1950 in Stahlbrode wohnte. Die frühere Lehrerin, die heute in Sassnitz auf Rügen wohnt, erinnert sich an ihren Besuch in der alten Heimat 2006: "Lyck ist auch im Krieg zerbombt worden und das ist auch wieder einigermaßen schön aufgebaut worden. Wir haben uns das circa 2006 angesehen. Wir sind in Mikołajki gewesen und sind mit dem Taxi nach Lyck gefahren, an unserem alten Haus vorbei. Das Haus ist durch den Krieg zerstört worden, aber das Nachbarhaus steht noch und ein Haus auf dem Weg zur Schule. Wir sind dort am Wasser gewesen, haben uns die Kirche angesehen, wo ich getauft wurde, und waren beim Bahnhof. Die hatten auch viele Angebote für Touristen. Es ist nicht so viel anders, die wichtigsten Gebäude sind restauriert worden, also sah es ganz gut aus. Ich habe zwar das Geschäft, wo meine Mutter gearbeitet hat nicht gefunden, aber vielleicht habe ich es auch nicht erkannt. Aber sonst wurde es wieder schön aufgebaut."

Auf die Frage, wie sie heute über das Ganze denkt, antwortete sie: "Es war ein schweres Leben, aber auch schön. Der ganze Zusammenhalt war besser, wir haben uns geachtet, wir haben uns geholfen und wir haben auch die schweren Zeiten, die es damals so gab, überwunden, indem wir uns mit wenig zufrieden gegeben haben. Das Wichtigste war, dass wir etwas zu Essen hatten und etwas zu trinken und dass wir uns einigermaßen in der Wohnung wohlgefühlt haben."

 

 
4 Kommentar(e)
  1. Laura Benk
    21. November 2022

    Hallo Nele, wirklich ein schöner Text! Wie bist du denn auf Rosemarie Petersen gestoßen? Es ist sehr wichtig, mit Zeitzeugen zu sprechen und ich finde, dass du ihre Stimme gut in den Text einfließen hast. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, dass wir nicht vergessen, dass viele von unseren Vorfahren auch Geflüchtete sind. Wirklich schön geschrieben! Viele Grüße Laura
  2. Christian Bertram
    22. November 2022

    Hi Nele, eine toller Text. Am besten gefällt mir die gelungene Verbindung der Erinnerungen Rosemarie Petersens(wörtliche Rede) mit der Darstellung der Geschehnisse und der zitierten zeitgenössischen Quellen .
  3. Deine sitznachbarin
    24. November 2022

    Heyy nele ich hab die ja schon vorher gelesen aber die ist sehr gut. Du hast das gut geschrieben und die wörtliche rede gut eingesrbeitet. Insgesamt finde ich es ein sehr interessantes thema du hast das sehr gut gemacht
  4. Hans-Christian Bötzow
    25. November 2022

    Liebe Nele. Ein großes Thema; sensibel erfasst. Ein Eröffnungsfoto; mit verzweifelten Menschen. Umfassende Recherche, wie bei derDlf Reportage, den schockierenden Zeitungszi- taten. Und eine wunderbare und starke Zeitzeugin.Nach einem unfassbaren Lebensweg, läßt du sie mit 86 Jahren , von Mut, Zusammenhalt und Zuversicht sprechen. Danke

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